Dichter

Dichter
bin ich
an den Worten
als an der Welt
der Schmerz beginnt
So suche ich Worte

Worte
die schreiten
und gleiten
und sich auf die Wunden legen
-solche
die durch langes Warten
auf Wunder
entstehen

Worte
die verweisen
auf Dinge
nicht nur benennen
sondern auch trennen
von anderen
Worten
die schon immer verwiesen
den einen von hier
den anderen nach dort
und damit Eines vom Anderen
trennten trennen und trennen werden bis sie getrennt worden sein werden

Worte
die sich wundgelegen haben
und noch immer nach Blut lecken

Die einzigen Grenzen, die ich wahren kann
sind jene im Gitter
des Kreuzworträtsels
in dem jedes Wort seinen festen Platz zugewiesen besitzt

Hier aber
Worte
die überschreiten
und mir entgleiten
und streiten
um jeden Zentimeter Raum

Worte
deren Welt
konstant
in Veränderung begriffen ist
sodass ich nur greifen
niemals aber wirklich
begreifen kann
Worte
die sich weigern
sich und mich einzugrenzen
und sich steigern
über alle Grenzen

Worte
die sich verändern
an den Rändern und von den Rändern
die mäandern
und wandern
und immer neue Wege gehen

Bis
Sie,
Dichter,
An den Dingen
Etwas Verändern

Sing Street- Eine Filmkritik

Sing Street- Eine Filmkritik

Dublin, 1985. Rezession und hohe Arbeitslosigkeit zwingen Familie Lalor zu Sparmaßnahmen. Sohn Brendan hat das College längst geschmissen und verbringt die Tage Gras rauchend im Haus, Tochter Ann hat den Traum ihrer Künstlerkarriere gegen ein bodenständiges Architekturstudium getauscht- bleibt also nur der jüngste, Conor, der vom privaten Jesuitenkolleg zur öffentlichen Christian-Brothers Schule wechseln muss.
Am ersten Tag findet er dort statt frommer Brüder nur Prügelei und macht Bekanntschaft mit der Faust des Schultyrannen und der Selbstherrlichkeit des Direktors.
Keine schöne Gegend, also.
Wäre da nicht Raphina, die vor dem Haus gegenüber des Schulhofes steht und so schön unnahbar ist, dass schon etwas Besonderes her muss, um Ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Conor lädt sie deshalb ein, beim Dreh des Musikvideos seiner Band mitzuwirken. Einziges Problem: es gibt keine Band. Und woher nehmen, wenn nicht stehlen?
So viel dazu: Conor findet die passenden Mitglieder. Und er macht Musik. Und dreht Videos. Und er lernt, über sich selber, seine Familie, das Leben. Und bei allem dabei ist immer die Musik. Im Kopf, notiert, gespielt, aufgenommen, angehört.
Sie ist Rebellion, aber vor allem ist sie Halt in einer Zeit, in der sowohl die äußeren Umstände, als auch der innere Prozess des Erwachsenwerdens den einst festen Boden unter den Füßen zu einer verdammt rutschigen Angelegenheit machen.

John Carney hat bei diesem Film wieder mit altbekannten Gesichtern zusammengearbeitet. Adam Levine, den er in „Can a Song Safe Your Life“ nicht nur musikalisch sondern auch als Schauspieler verpflichtete, ebenso wie Glen Hansard, der schon den Soundtrack für „Once“ lieferte und damit den Oskar für den Besten Song gewann; sie beide sind Interpreten der Songs von Gary Clark und John Carney- ein wundervoll nach 80er klingender Soundtrack, der die Geschichte nicht nur untermalt, sondern sie durchwebt, jeder Song ein Abschnitt des Films und ein weiterer Schritt für die Protagonisten.
Es mutet dabei sehr idealistisch an, wenn am Ende der Schläger vom Dienst seine verkorkste Familie verlässt, und als Roadie die Band unterstützt; und es wirkt irgendwie konstruiert, wenn das kleine Motorboot des Großvaters die große Fahrt über den Teich ermöglichen soll.
Aber genau das macht diesen Film aus: diese kleinen Bilder, in die man so viel mehr hinein interpretieren kann, als die bloße Geschichte, die vordergründig damit erzählt wird.
Der Film spielt mit diesen Bildern, wie Conor auf seiner Gitarre: fragend, zaghaft, dann wieder rockig und präsent. Immer wieder auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die das Leben stellt. Und ähnlich pathetisch wie in „Can A Song Safe Your Life“ fragt John Carney, ob ein Musik gewordener Traum in der Lage ist, Stütze im Leben zu bieten und stark genug zu sein, um daran zu wachsen.
Denn dass es „nur“ ein Traum ist, zeigt die letzte Szene, in der die Arbeit mit dem Blue Screen so überdeutlich zu erkennen ist, als handele es sich um einen Low Budget Film, sodass man sich fragt, ob John Carney nicht genügend Geld hatte, auch noch diese Szene vernünftig abzudrehen. Vielleicht hätte er genügend gehabt. Aber er wollte gar nicht. Diese letzte Szene ist der stilistisch erhobene Zeigefinger, der den Zuschauer wieder aus dem Film herausholt, und ihn in den Kinosaal zurück katapultiert.
Aber das ist weder belehrend noch frustrierend.
Denn dieser Traum ist so wundervoll verpackt, dass man am Ende den Saal verlässt, „we’re never gonna go, if we don’t go now“ summend, und mit dem Gefühl, dass mit dem richtigen Soundtrack alles möglich ist.

Sing Street, 2016. Ein Film von John Carney, mit Ferdia Walsh-Peelo, Lucy Boynton und Jack Reynor

Lady In The Van- eine Filmkritik

Lady In The Van- eine Filmkritik

Es klingt so verrückt, dass es nur wahr sein kann: In London lebte jahrelang eine obdachlose alte Dame in einem heruntergekommenen Van im Garten eines Theaterautors, der diese Begebenheit schließlich zu Papier brachte. Diese Geschichte ist jetzt verfilmt worden: mit einer grandiosen Maggie Smith in der Hauptrolle. 
Es sind zwei Welten, die da aufeinander prallen. Mary, die unfreundliche (Danke kommt ihr grundsätzlich nicht über die Lippen), ungepflegte („Sie stinkt!“ urteilt der Nachbarssohn), unbeirrbare (da von Gott geleitete) alte Frau, und Alan, der Theaterautor, der alleine in einem viel zu großen Haus lebt, nur nachts Besuch von diversen Männern bekommt, die nie zum Kaffee bleiben, und der den geistigen Verfall seiner Mutter beobachtet und für seine Bühnenstücke als Inspiration nutzt. 
Mary lebt, nach einem Unfall zunächst ungeklärter Ursache mit Todesfolge in ihrem Van und gilt als geduldetes Accessoire am Gloucester Crescent. Die Anwohner nutzen ihre Anwesenheit, um vor Ort caritatives Werk für Ihr Wohlbefinden zu tun, ohne jedoch allzu nah mit der komischen kauzigen Frau in Kontakt kommen zu wollen. Einzig Alan, selber zerrissen angesichts eigener Probleme, und von dem Drang getrieben, etwas hervorragendes zu Papier zu bringen, nähert sich ihr. 
Und während seine Mutter fantasiert und abdriftet, und er immer seltener ihre Gesellschaft sucht, findet er immer häufiger die Gesellschaft der alten Mary, die sich, galant, in sein Leben hineinkomplimentiert und für 15 Jahre nicht daraus verschwindet. 

Das ist keine Geschichte über eine klassische Freundschaft, die sich daraus entwickelt. Dazu sind beide Charaktere viel zu ungleich, zu verschlossen, zu eigensinnig. Aber dieser Film zeichnet das Leben zweier Menschen, die der Zufall zusammenbringt und das Leben bis zum Ende nicht mehr trennt.

Das ist deshalb vielmehr die Frage danach, wie wir eigentlich mit alten Leuten umgehen- und die Frage danach, wer bestimmt, wann ein Mensch zu alt ist, um selbstbestimmt zu leben. 
Das ist die Frage danach, wie wir mit Menschen umgehen, die anders sind, als die Norm. 
Und das ist die Frage danach, wie wir damit umgehen, dass unser Leben nicht immer so von uns bestimmt wird, wie wir es planen. 
„Das habe ich mir nicht ausgesucht, das wurde ausgesucht.“, sagt Mary über ihr Leben im Van. Das klingt nach Verbitterung, ist es aber nicht. Ihr Van ist keine Villa, aber es ist ihr Van. Ihr Zuhause. Ungebetenen Besuchern schließt sie die Tür vor der Nase, und wirklich glücklich scheint sie nur dann, wenn sie, in großen Klecksen, Farbe auf die verrosteten Stellen im Lack verteilt.
Das ist das Leben einer Frau, die, obwohl sie aufgrund äußerer Zwänge nicht den Traum ihrer Jugend leben kann, sich trotzdem in dem Leben einrichtet, das ihr bleibt. Zweifelnd, suchend, flehend, kämpfend und niemals aufgebend.

All diese Tage mit Mary haben das Leben von Alan Bennett geprägt. Es ist daher fast von zwingender Konsequenz, dass der Autor selber in der letzten Szene ins Bild tritt, und dabei ist, als die Plakette der „Frau im Van“ an der Wand seines Wohnhauses enthüllt wird. 

Sie war in seinem Leben mehr als nur Gast in seinem Garten.

Absolut sehenswert. 

Lady in the Van. Screenplay von Alan Bennett. Hauptrollen: Maggie Smith, Alex Jennings.