Gedanken an A.

Wissen wir je wirklich Bescheid?

Wir sitzen am Tisch und reden und lachen es ist einer dieser Freitagabende und irgendwann fragt jemand nach den Namen der Nazi-Größen und es ist nicht einen Moment still darauf denn wir sind die dritte Generation wir dürfen das und wir können das nur die ganzen Namen kennen wir nicht aber lachen können wir trotzdem und vor allem danach suchen auf tagesschau D E gibt es eine Liste aller Größen inklusive ihrer großen Beinamen und die klingen nach noch etwas viel größerem nämlich nach Hollywood und Blockbuster und wir lachen noch lauter

vielleicht weil wir uns so klein fühlen

aber das sagt natürlich keiner denn wir sind groß geworden mit diesen Geschichten zum ersten zum zweiten zum dritten Mal im Geschichtsunterricht behandelt und dann noch einmal im Abi nachgefragt und überhaupt schreibt man das ABI heute groß denn es ist ein Nomen also ein Namenwort und diese Dinge schreibt man am Anfang immer groß bis wir es wegstecken und damit in die Welt ziehen und dann liegt es schwer in unserer Tasche damit wir nicht vergessen was wir daran haben und was wir damit können damit wir immer noch wissen was wir daran haben weil wir so viel wissen und man bei so viel Wissen auch manchmal etwas vergisst das kommt vor wenn man so viel weiß dass man einige Dinge irgendwann nicht mehr weiß

so wie man manchmal Namen vergisst und es gar nicht böse meint und niemand darum böse ist nur manchmal leise einer weint

und deshalb sammeln wir Erinnerungen wie Steine am Meer denn je mehr man hat umso weniger schlimm ist es wenn eine zwei oder drei verloren gehen und wir haben so viele von früher als wir klein waren als wir größer wurden und noch immer klein waren und noch größer wurden und nicht mehr ganz so klein waren und als wir groß geworden waren oder es zumindest dachten weil wir schon so groß sind dass wir gar nicht mehr richtig wissen, wie es ist, klein zu sein, und nicht alles zu verstehen und vielleicht liegt es daran dass es so laut ist während wir noch lachen dass wir zunächst die Frage nicht verstehen die auf einmal im Raum steht

Was wisst ihr denn eigentlich noch
von euren Großeltern?

Aber dann lacht keiner mehr.
Einer schaut in sein Handy.
Vielleicht findet er da ein Foto aber vielleicht auch nicht.
Einer schaut auf seine Uhr. Vielleicht hat er sie vererbt bekommen aber vielleicht auch nicht.
Eine fingert an ihrer Halskette.
Vielleicht gehörte sie früher der Oma vielleicht aber auch nicht.
Eine sucht in ihrem Wörterbuch nach etwas.

Vielleicht sucht sie die passenden Wörter vielleicht aber auch nicht.

Und einer spricht.
Vielleicht sind es die Worte des Großvaters oder der Großmutter vielleicht aber auch nicht.

Und vielleicht könnten wir uns austauschen
er und ich
wenn er es wollte
und ich es könnte

Aber er weiß mehr
von seinem Großvater
mit dem er stundenlange Gespräche führen konnte

Er weiß so viel mehr als ich und ich ärgere mich
vielleicht weil er nur redet und redet und redet und nicht Luft holt sondern nur Blicke sammelt und Anerkennung für alles was er weiß und ich mich frage ob er eigentlich die Fragen nur gestellt hat um sich jetzt reden zu hören oder ob er damals den Großvater wirklich reden hören wollte – was für ein unpassender Gedanke, denke ich dann

Und plötzlich stehen wir an einer Front
Er
der redet
und Ich
die schweige

Denn er weiß mehr
als ich
deren Großvater nie richtig aus dem Krieg zurück kam
und für den es manchmal schlimmer war
nicht da geblieben zu sein
Der Großvater
der mir jedes Mal wenn ich zum Mittagessen kam sagte es gebe keinen Vanillepudding dabei stand die Schüssel immer schon in Sichtweite und der das unglaublich komisch fand
und ich
die diesen Witz nie verstand und immer dachte dass es einfach nicht witzig sei darüber zu scherzen dass etwas gar nicht da sei wenn ich es doch sehen konnte
und dann habe ich trotzdem jedes Mal so getan als glaube ich ihm
und er hat gelacht
jedes Mal

Er weiß mehr als ich
die noch nie in Amerika war diesem Land der unzähligen Möglichkeiten und die das Land nur aus Geschichten kennt
zum Beispiel jener von dem Großvater
der Baumwolle gepflückt hat auf den Feldern in Texas weil man ihn in Russland für einen Amerikaner gehalten hatte und erst dort drüben feststellen musste dass er ja auch nur einer dieser Deutschen war weshalb er dann Baumwolle pflücken durfte
genau wie die Schwatten
Und das klang eigentlich nach einer lustigen Geschichte nur dass nie jemand darüber gelacht hat
schon gar nicht der Großvater
der so zwar in Amerika gewesen war
aber eigentlich auch nicht so richtig

Er weiß mehr als ich
die ihren Großvater immer für alt hielt und alte Leute sind nicht jung und wenn man jung ist kann man sich auch nicht vorstellen dass man einmal alt wird und deshalb ist es auch schwer sich vorzustellen dass alte Menschen einmal jung waren und Kraft hatten
und zu Fuß quer durch Russland laufen können
und dass es Dinge gibt über die man nicht reden möchte kann man sich auch nicht vorstellen wenn man gerade in die Schule gekommen ist und alles was man täglich erlebt so wahnsinnig spannend und neu ist dass man übersprudeln möchte vor Wörtern
nein dass es da Dinge gibt über die man nicht spricht dass kann man sich nicht vorstellen

Er weiß mehr als ich
die ich nie bei meinen Großeltern übernachtet habe
sondern nachts unter meinem eigenen Bett nach Monstern suchte
Monstern denen ich so fantasievolle Namen gab die tagsüber genauso ulkig klangen wie die fremde Sprache der Großeltern in der das zu dat und was zu wat wurde
und es klang zwar jedes Mal so anders wenn sie sprachen aber verstanden habe ich es trotzdem immer nur sprechen konnte ich es nicht

Er weiß mehr als ich
die ich dachte dass er doch eigentlich ganz ruhig war der Opa
wie ein Opa eben

weil ich ja nachts die Schreie nicht hörte
und erst später erfuhr dass er gelegentlich Schubkarren durch den Garten warf

weil er nicht weinen konnte

Aber das weiß ich erst jetzt
dass die Schubkarre seine Tränen waren
und dass man nicht alles glauben darf was man hört
das habe ich auch erst später gelernt

Damals als er wirklich ging
blieb ich zuhause
denn es regnete und man fürchtete ich würde krank werden
also blieb ich zuhause
Damals
als man ihm endlich die letzte Ruhe gewährte
die Menschen und sein Geist
und er nicht immer so furchtbar wütend werden musste auf sich und auf die Menschen und vor allem auf den Russen
sollte ich mir Ruhe gönnen,
und im Bett bleiben,
denn ich war
noch jung
so wahnsinnig jung
als er starb
schon die dritte Generation nach dem Krieg
und die Zukunft muss man bewahren.

Jetzt bin ich größer und wir sitzen am Tisch und reden und lachen es ist einer dieser Freitagabende und vormittags sitzen wir gemeinsam in der Universität
er mit seinem Wissen
und ich mit meinen Fragen
wir sitzen da in irgendeiner dieser Vorlesungen und hören beide wie irgendeiner fragt: warum gibt es eigentlich keine Literaturepoche zwischen 1930 und 1955 der Krieg ging doch nur von 39 bis 45
und er lacht und ich auch
denn er mag zwar mehr wissen aber wir beide haben
einmal zweimal dreimal
diese Geschichten in der Schule behandelt
und natürlich wissen wir deshalb beide dass der Krieg nicht einfach endet und dann vorbei ist
und ich denke noch
wie naiv
und dann denke ich
irgendwie auch schön so naiv sein zu können
und dann frage ich mich
verdammt ist es nicht gefährlich so naiv zu sein?

Ich weiß nicht
ob ich verstehe
worüber wir an diesem Abend noch reden
und warum die anderen sagen was sie sagen.
Und ob ich damals schon verstanden habe
habe ich vergessen.

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2 Gedanken zu “Gedanken an A.

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