Im Exil

Es gibt dort draußen diesen Hof, und es ist ein schöner Hof. Mit großem Feldern und einer schönen Scheune.
In einem Frühjahr aber starb der alte Bauer, und sein Sohn erbte den Hof. Und während der Alte in den Sternen die Wetterlage ablesen konnte, und einer Kuh bloß in die Augen schauen musste, um zu sehen, ob es ihr gut ging, hatte der Junge nur Augen für diejenigen, die ihm nie in die Augen würden schauen können, ihn aber dennoch unerlässlich ansehen sollten.
Er war ein mickriger junger Mann, und er wollte nicht, dass die Leute es bemerkten, aber wenn er sprach, merkte man, dass er wusste, dass sie es doch taten, und er tat sein Bestes, um wenigstens diese Tatsache zu verbergen.
Er hatte lange davon geträumt, den Hof zu übernehmen, aber nicht der Arbeit wegen. Er mochte die Feldarbeit nicht, den Staub, der sich am Ende des Tages über alles legte, in die Haare, auf die Haut, sodass man nach der Wäsche eine ganz dunkle Schüssel hinterließ. Er mochte aber auch die Papierarbeit nicht, das Rechnen und Aufschreiben der abgeleisteten Stunden, die Auszahlung des Lohns, der sowieso viel zu hoch war, und den die Arbeiter immer zu pünktlich einforderten.
Er hatte den Hof übernehmen wollen, allein des Hofes wegen, wegen seiner Größe und seinem Namen, und dem, was daraus noch werden konnte, wenn man es nur richtig anpackte. Aber jetzt hatte er ihn an der Wange, mitsamt der veralteten Gerätschaften, der Bauernregeln und -Rituale und allem, was dazu gehörte.
Er würde es ändern müssen, vieles. Bald schon.
Vor allem aber störten ihn die Hilfskräfte aus dem anderen Dorf.
Er sprach ihren Dialekt nicht, und ihre Haare waren immer ein wenig dunkler als die der hiesigen Dorfbewohner. Sie erzählten Geschichten von hinter dem Berg, und sie hatten Rezepte, die er nicht kannte, und die er für unverdaulich hielt. Er kannte sie nicht, genauso wie den Hund des Nachbarn, der ihn als Kind gebissen hatte. Er war von seinem Vater zum Nachbarn geschickt worden, um ein paar Äpfel rüber zu bringen, ein paar frische rote Äpfel, als dank für die Farbe für den neuen Lattenzaun. Und dann war da dieser Hund gewesen, er war neu, und er hatte gebellt. Der Junge aber war einfach weiter marschiert, und es war ihm egal gewesen, sollte er doch bellen, er würde sich davon nicht abhalten lassen.
Sein Vater hatte ihm später gesagt, er hätte einfach nur in die Knie gehen und die Hand ausstrecken müssen, um dem Hund zu zeigen, dass von ihm keine Gefahr ausgehe, dann hätte er auch nicht gebissen. Der Vater. Er war schon immer viel zu nett gewesen.
Genauso kannte er jedenfalls die Arbeiter aus dem anderen Dorf nicht, und deswegen mochte er sie nicht.

Und dann war da dieser Vorfall mit dem Öl. Eines Morgens fehlte plötzlich ein ganzer Kanister aus der Scheune, und sein Verbleib ließ sich einfach nicht aufklären.
Aber einige Tage später stand plötzlich eine der Hütten in Flammen, in denen überwiegend Arbeiter aus dem Nachbardorf wohnten, und angesichts des lodernden Feuers war klar, dass nur dort das Öl gelagert worden sein konnte. Also löschte man das Feuer und dann warf er sie raus.

Der alte Mann, der jahrelang dort gearbeitet hatte, war nicht überrascht, als er seine Sachen packen und gehen musste. Er hatte es irgendwie kommen sehen, als der alte Bauer gestorben war.
Und er ging lieber freiwillig, als abzuwarten, was mit denen passierte, die blieben.
Aber traurig war er schon. Er hatte sich dort immer wohl gefühlt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass er vielleicht, nur weil er nicht dort geboren war, irgendwann sich für seine Wanderschaft rechtfertigen müsse, oder dass er, viel ärger, irgendwann nicht mehr willkommen sein würde, dort, wo er länger lebte, als irgendwo anders, und wo er längst den Dialekt so selbstverständlich sprach, als wäre er ihm in die Wiege gelegt worden. Während die Erinnerungen an das alte Dorf langsam verblassten, und es ihm immer schwerer fiel, sich sein Elternhaus noch einmal in Erinnerung zu rufen, konnte er zu jeder Scheune auf dem Hof eine Geschichte erzählen, er kannte die Alten aus dem Dorf, die er traf, wenn er regelmäßig in die kleine Kneipe ging. Sie tranken aus denselben Gläsern, gespült zwar, aber den Humpen, den der Schmied heute Abend in der Hand hielt, war schon unzählige Male auch an seine Lippen geführt worden. Er trank allerdings nur mäßig, der Alkohol machte ihn unsicher, und verwirrte seine Gedanken, sodass er sich auch dort nichts vorwerfen konnte. Überhaupt war er, wenn er denn je aufgefallen sein sollte, dann wohl nur in Erscheinung getreten, weil er die Sense eleganter schwang als jeder andere auf dem Hof. Während die anderen Arbeiter mit einer oft brachialen Gewalt auf die Ähren eindroschen, schwang er das Gerät wie beim Tanz, und die immer saubere Klinge blitzte im Licht der Sonne, und manchmal blieben die Frauen stehen, und beobachteten diesen Mann, der so schön die Sense schwingen konnte, dass es schien, als fielen die Ähren bewundernd zu seinen Füßen.

Aber er lamentierte nicht, sondern packte seine Sachen zusammen und verließ den Hof.

Er fand eine neue Schlafstätte, weit über den Hügelkamm hinweg, und bereitete dort sein Lager, und richtete sich darauf ein, zu warten. Es fehlte ihm an nichts, ja manchmal meinte er sogar, es müsse ihm besser gehen, so gut ging es ihm, aber dann fehlte wieder alles und es ging ihm schlecht, und er sehnte sich nach Nachrichten über den Hof.

Sie kamen nur spärlich. Es war Winter, die Wege vereist, und die Bergkämme eine Gefahr für jeden, der die Wagnis auf sich nahm. Und selbst wer sich nicht aufmachte in eine andere Gegend, wer nur zuhause blieb, auch der blieb allzuoft vom Tod nicht verschont, denn es war ein kalter Winter, hart und unbarmherzig.
Und wenn sie dann kamen, die Nachrichten, dann wünschte er sich manchmal, die Überbringer wären doch nicht damit übergekommen, so schlimm war das, was sie berichteten.
Es war alles anders, jetzt, da der junge Herr den Hof leitete.
Er riss alte Gebäude ab und ließ neue bauen, ließ einen Garten anlegen, um den Frauen zu gefallen, aber er verstand nichts von Blumen, und innerhalb kürzester Zeit war das Gelände von Unkraut überwuchert.
Und er gab wilde Feste. Selten war er selber zugegen, aber er ließ sich feiern, bis nachts um drei.
Alle Arbeiter, die ihm nicht mehr gepasst hatten, waren längst weg, fortgegangen, und jene, die nicht freiwillig hatten gehen wollen, oder nicht rechtzeitig gegangen waren, hatte er so lange mit schweren Säcken und Holz und anderem Bauschutt beladen, bis sie unter der Last einfach zusammengebrochen waren.
Er wollte nur die stärksten, kräftigsten Leute für seinen Hof, denn er wollte etwas großes aufbauen, und da könne er niemanden gebrauchen, der ihm zur Last fiele.

Die anderen Arbeiter, die mit ihm gegangen waren, warfen dem alten, doch längst toten Herren vor, er hätte es ahnen können, ja ahnen müssen. Es war sein Sprössling gewesen und er hätte ihn besser erziehen und auf seine Aufgaben vorbereiten müssen.
Der alte Arbeiter dachte, sie mochten wohl recht haben, aber vor allem sehnte er sich nach dem Feld und der Farbe der Ähren, und dann strich er gedankenverloren über den Griff seiner Sense, die er immer bei sich trug, die er umso hingebungsvoller pflegte, je schrecklicher die Nachrichten waren. Er polierte das Holz und ölte es, und er schleifte das Blatt bis es scharf genug war, ein darauf fallendes Blatt Papier ohne weiteres Zutun zu zerschneiden.

Und irgendwann kam der Frühling, und mit ihm die Nachricht, dass der junge Herr verstorben war. Er hatte sich zu Tode getrunken, allerdings nicht bevor er nicht auch den letzten Heller aus dem längst unter der Last ächzenden Hof heraus gepresst hatte. Aber da auch das ihm nicht das erwünschte Leben in Ruhm und Reichtum erbracht hatte, hatte er in einer kalten Wintersachen das Leben hinter sich in den Hof alleine gelassen.
Zunächst hatten die umliegenden Bauernhöfe die Felder gemeinsam mit bewirtschaftet, aber irgendwann war es zum Zerwürfnis gekommen, und jetzt war ein junger Mann an die Spitze des Hofes getreten, und er versprach, ihn nach bestem Wissen und Gewissen und mit allem, was in seiner Macht stand, zu führen, auf dass er wieder wachse und gedeihe.

Als der alte Arbeiter diese Nachricht vernahm, hielt es ihn nicht mehr lange an seinem ausgesuchten Lager. Er verabschiedete sich im Stillen von der malerischen Bergkette, packte seine Siebensachen und machte sich auf dem Weg zurück, den er vor Monaten gekommen war.
Und seine Beine trugen ihn, ohne dass es die Arbeit seines Kopfes bedurft hätte, hinüber, und als er die vertrauten Erdhügel vor sich sah, und die Ähren, die sich begannen, im Wind zu regen, da atmete er zum ersten Mal tief ein und wusste, dass er wieder zuhause war.

Schon von weitem konnte er den Hof erkennen, und sein Herz schlug schneller und sein Schritt beschleunigte sich. Aber wie anders sah alles aus!
Natürlich hatte er gehört, was sich alles geändert hatte. Aber es mit eigenen Augen zu sehen, war eine Wahrheit, der er gerne entflohen wäre. Und trotzdem. Es war doch der alte Hof.

Was willst du hier?
Die Stimme des Mannes, der auf einmal neben ihm stand, war harsch. Es war ein junger Kerl, nicht ganz dreißig Lenzen, schätzte er.
Arbeiten.
Wir brauchen keine Arbeiter mehr.
Habt ihr denn schon genug, um dieses große Feld zu bewirtschaften?
Wir brauchen keine Arbeiter mehr, wiederholte der junge Mann, und wollte sich umdrehen und gehen.
Aber bei so einem Feld braucht man wirklich viele Arbeiter, sonst kommt der Regen, bevor alles eingebracht ist, und dann müssen die Menschen im nächsten Winter hungern.
Was willst du hier?, fragte der junge Mann noch einmal.
Arbeiten, wiederholte sich auch der alte Arbeiter. Ich habe lange Jahre hier gearbeitet, ich weiß, wie man die Sense schwingt.
Wir brauchen niemanden, der uns sagt, wie wir zu arbeiten haben, entgegnete der junge Mann. Wir haben all das hier alleine wieder neu aufgebaut. Und damit ging er.
Er war nicht einmal unfreundlich gewesen, der junge Mann, dachte der alte Arbeiter und seufzte. Er wusste es wohl nur einfach nicht besser. Für ihn war er ja doch nur ein weiterer Mann, der gerne auf dem Feld stand und sich die Sonne ins Gesicht schienen ließ. Aber er war enttäuscht, dass er ihm nicht zugehört hatte. Vielleicht hätte er dann verstanden.

Der alte Mann zog dann in eine Hütte, ganz in die Nähe des Hofes, auf dem er früher jeden Tag gewesen war. Nah genug, um die Spitzen der Dächer sehen zu können, aber weit genug weg, um nicht zu aufdringlich zu sein. Manchmal, wenn er spazieren ging, sah er die Arbeiter auf den Feldern, und wenn der Wind passend stand, konnte er einen Teil ihrer Gespräche hören. Meist sprachen sie über die Arbeit, und über das Wetter, oder den neuen Herren. Aber einmal, oder zweimal, konnte er hören, wie sie über ihn sprachen.
Er sei ein komischer alter Mann. Zu sehr in seinen Gedanken verloren. Er wisse ja doch nicht, wie die Arbeit hier nun vonstatten gehen würde.

Er starb schon bald darauf.
Der Arzt, der gerufen wurde, um seinen Tod festzustellen, sah die Arbeitsgeräte in bestem Zustand an der Wand stehen. So ein törichter, alter Mann, dachte er, da hat er doch noch jeden Tag sein Werkzeug geputzt, als habe er nur darauf gewartet, dass sie ihn rufen.

Der Autor hätte jetzt noch gern gesagt, dass sie es nicht schafften, das Feld, und die Ähren, all die jungen Männer, ohne den alten Mann mit seiner Sense, aber dem war nicht so.
Ganz im Gegenteil. Sie brachten mit den Jahren immer mehr ein, und in immer größeren Haufen legte man die Ernte in die Scheunen, bis es so viel war, dass man einiges davon über die Grenzen des Dorfes verkaufen musste, um nicht darauf sitzen zu bleiben.

Nur blieben in der Zeit nach dem Neuanfang die wenigsten stehen, wenn die Felder geerntet wurden, und den sanften Tanz eines alten Arbeiters, den sah man nimmer mehr.
Aber die jungen Burschen machte die Sache eben auf ihre Art und Weise, und wenn sie im Gleichschritt das Feld entlang liefen, dann war das auch ein imposanter Anblick.

Und irgendwann kamen ja auch die Traktoren.
Und mittlerweile hat man vergessen, wie es ist, die Sense zu schwingen, und was eine Sense überhaupt ist, das wissen die meisten Menschen ja doch nur noch vom Tod.

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