Der Tiger

Vor einiger Zeit suchte ich Zerstreuung, und Abstand von allem. Das Leben war mir zu unruhig geworden, und ich sehnte mich nach der Stille, die die Natur bietet. Also bin ich los, in den tiefsten Dschungel, den ich finden konnte. Da war es heiß, und stickig, und man konnte ganz viele Tiere hören, die man hier in der Stadt nicht findet. Große Tiere, und kleine Tiere. Vögel, und Reptilien, und Säugetiere. Ich bin durch das Dickicht gelaufen, und durch Tümpel gekrochen. Es war sehr, sehr dunkel dort. Kaum Sonnenlicht drang durch die dichten Pflanzen und Bäume hindurch. Ich wollte schon umdrehen, weil ich befürchtete, nicht mehr zurück zu finden, sollte ich mich noch tiefer hineinwagen. Und dann stand ich plötzlich vor einem Tiger. Einem echten, wahrhaftigen, Tiger! Der Schreck war riesig. Stocksteif habe ich da gestanden, und gedacht, das wäre das Ende. Der Tiger jedoch saß einfach nur da und hat sich nicht vom Fleck bewegt. Keine Pfote hat gezuckt. Das ging eine ganze Weile so. Ich weiß nicht mehr, wie lange, aber als ich mich wieder bewegt habe, taten meine Muskeln weh. Es musste also ziemlich lange gewesen sein. Der Tiger jedenfalls hat sich die ganze Zeit nicht bewegt. Kein bisschen.
Ich habe mich gefragt, was für ein komischer Tiger das sei. Da lebt er draußen im Dschungel, und hat all das Wundersame vor sich, und sitzt doch den ganzen Tag nur auf einer Stelle, dort, im dunkelsten Fleck des ganzen Dickichts. Warum läuft er denn nicht herum? Warum springt er nicht auf Bäume, oder streift durch das Dickicht? Oder läuft zu einem sonnigen Fleckchen, und lässt die Sonnenstrahlen sein Fell wärmen, und die Farben leuchten?
Da kam ein Affe herbeigeklettert. Er hat sich an einen Ast gehängt, und dort hin- und her gebaumelt. Er hat mich beobachtet, wie ich da saß und dem Tiger beobachtet habe. Und dann hat er mich gefragt, ob ich wissen wollte, warum der Tiger da so still saß. Und ich? Habe natürlich genickt. Wenn man im tiefen Dschungel einem Affen begegnet, der einem anbietet, zu erklären, warum dort ein Tiger sitzt, und sich nicht bewegt, dann sagt man nicht nein.
Also hat der Affe angefangen zu erzählen. Der Tiger ist schon sehr alt, sagte er mir. Aber früher einmal, da war der Tiger jung. Und noch ganz klein. Er ist umher getapst, wie kleine Tiere das eben tun. Und er hat die anderen Tiere beobachtet, wie sie durch den Wald tobten. Irgendwann ist er an einen Tümpel gekommen. Kein schlammiger, morastiger Tümpel, wie die, aus denen die Tiere hier sonst trinken, sondern einer mit kristallklarem Wasser, und einer unendlichen blauen Tiefe. Ganz neugierig ist der junge Tiger an das Wasser heran gelaufen.
Und da hat er sich gesehen, im Wasser. Dort auf den Wellen spiegelte sich das Fell des stolzen Tigers. Und wie schön ist dieses Fell! Es glänzt und schimmert. Und dann diese Streifen! Kein anderes Tier hat solch schöne schwarze Streifen auf rötlichem Fell. Und keine zwei Tiger haben genau gleiche Streifen. Aber der Tiger hat nur die Streifen gesehen, und sie haben sich eingebrannt in seine Augen. Ganz tief in seine Netzhaut, und nie hat er dieses Bild vergessen.
Am nächsten Morgen ist er aufgewacht. Er hat die Augen geöffnet, und sich geschüttelt. Und dann hat er den Kopf gehoben. Da hat er sie gesehen: die Streifen. Direkt vor sich. Schwarz, und dick. Und sie sahen aus wie Gitterstäbe. Wie dicke, runde Gitterstäbe. Wohin der Tiger den Kopf auch drehte und wendete, überall hat er diese Streifen gesehen. Um ihn herum, ohne Lücke. Er war gefangen. Seitdem hat er sich nicht mehr bewegt.
Das hat der Affe mir erzählt, und dann ist er wieder verschwunden.
Ich aber habe den Tiger betrachtet. Deswegen also bewegt er sich nicht weg, habe ich gedacht. Vor seinen Augen sieht dieser Tiger einen gewaltigen Käfig. Er hat längst vergessen, dass der Käfig bloß eine Projektion seiner eigenen Streifen ist. Ein Scherz seines Gehirns. Wie eine Fata Morgana. Vielleicht hat er es aber auch nie gewusst.

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2 Gedanken zu “Der Tiger

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