Es klingt so verrückt, dass es nur wahr sein kann: In London lebte jahrelang eine obdachlose alte Dame in einem heruntergekommenen Van im Garten eines Theaterautors, der diese Begebenheit schließlich zu Papier brachte. Diese Geschichte ist jetzt verfilmt worden: mit einer grandiosen Maggie Smith in der Hauptrolle. 
Es sind zwei Welten, die da aufeinander prallen. Mary, die unfreundliche (Danke kommt ihr grundsätzlich nicht über die Lippen), ungepflegte („Sie stinkt!“ urteilt der Nachbarssohn), unbeirrbare (da von Gott geleitete) alte Frau, und Alan, der Theaterautor, der alleine in einem viel zu großen Haus lebt, nur nachts Besuch von diversen Männern bekommt, die nie zum Kaffee bleiben, und der den geistigen Verfall seiner Mutter beobachtet und für seine Bühnenstücke als Inspiration nutzt. 
Mary lebt, nach einem Unfall zunächst ungeklärter Ursache mit Todesfolge in ihrem Van und gilt als geduldetes Accessoire am Gloucester Crescent. Die Anwohner nutzen ihre Anwesenheit, um vor Ort caritatives Werk für Ihr Wohlbefinden zu tun, ohne jedoch allzu nah mit der komischen kauzigen Frau in Kontakt kommen zu wollen. Einzig Alan, selber zerrissen angesichts eigener Probleme, und von dem Drang getrieben, etwas hervorragendes zu Papier zu bringen, nähert sich ihr. 
Und während seine Mutter fantasiert und abdriftet, und er immer seltener ihre Gesellschaft sucht, findet er immer häufiger die Gesellschaft der alten Mary, die sich, galant, in sein Leben hineinkomplimentiert und für 15 Jahre nicht daraus verschwindet. 

Das ist keine Geschichte über eine klassische Freundschaft, die sich daraus entwickelt. Dazu sind beide Charaktere viel zu ungleich, zu verschlossen, zu eigensinnig. Aber dieser Film zeichnet das Leben zweier Menschen, die der Zufall zusammenbringt und das Leben bis zum Ende nicht mehr trennt.

Das ist deshalb vielmehr die Frage danach, wie wir eigentlich mit alten Leuten umgehen- und die Frage danach, wer bestimmt, wann ein Mensch zu alt ist, um selbstbestimmt zu leben. 
Das ist die Frage danach, wie wir mit Menschen umgehen, die anders sind, als die Norm. 
Und das ist die Frage danach, wie wir damit umgehen, dass unser Leben nicht immer so von uns bestimmt wird, wie wir es planen. 
„Das habe ich mir nicht ausgesucht, das wurde ausgesucht.“, sagt Mary über ihr Leben im Van. Das klingt nach Verbitterung, ist es aber nicht. Ihr Van ist keine Villa, aber es ist ihr Van. Ihr Zuhause. Ungebetenen Besuchern schließt sie die Tür vor der Nase, und wirklich glücklich scheint sie nur dann, wenn sie, in großen Klecksen, Farbe auf die verrosteten Stellen im Lack verteilt.
Das ist das Leben einer Frau, die, obwohl sie aufgrund äußerer Zwänge nicht den Traum ihrer Jugend leben kann, sich trotzdem in dem Leben einrichtet, das ihr bleibt. Zweifelnd, suchend, flehend, kämpfend und niemals aufgebend.

All diese Tage mit Mary haben das Leben von Alan Bennett geprägt. Es ist daher fast von zwingender Konsequenz, dass der Autor selber in der letzten Szene ins Bild tritt, und dabei ist, als die Plakette der „Frau im Van“ an der Wand seines Wohnhauses enthüllt wird. 

Sie war in seinem Leben mehr als nur Gast in seinem Garten.

Absolut sehenswert. 

Lady in the Van. Screenplay von Alan Bennett. Hauptrollen: Maggie Smith, Alex Jennings.

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