Ich mag To-Do Listen. To-Do Listen sagen mir: das musst du noch tun. Das ist weniger schön, das versteht sich von selbst. Wenn einem jemand den ganzen Tag sagt, was man noch zu tun hat, dann ist das nervig. Und wirklich wenig sympathisch. Mein Chef sagt mir auch den ganzen Tag, was ich zu tun habe. Ich mag ihn. Wirklich. Aber weil er menschlich toll ist. Nicht, weil er mir sagt, was ich tun soll. To-Do Listen aber mag ich gerade, weil sie mir sagen, was ich machen soll. Das ist nun, auf den ersten Blick, etwas irritierend, das muss ich zugeben. Aber, es lässt sich erklären. Denn To-Do Listen nehmen mir, anders als mein Chef, Arbeit ab. Mein Chef kommt jedes Mal mit neuen Aufgaben daher. Die To-Do Liste aber enthält Aufgaben, die ich schon kenne. Die quasi alt sind. Altbekannt auf jeden Fall. Die To-Do Liste enthält Aufgaben, die ich vorher im Kopf hatte, und dann an die To-Do Liste weitergegeben habe. Sie enthält also Aufgaben, die ich mir selber gegeben habe. Aufgaben, die ich mir eigentlich selber aufgeben muss, aber da die Listen mir das sagen, brauche ich es nicht mehr zu tun. Falls die Liste es nicht tun würde, müsste ich die ganze Zeit mit mir selber reden. Das finde nicht nur ich anstrengend, sondern auch viele andere suspekt (zumindest, wenn ich es laut mache, was ich gelegentlich zu tun pflege). Also mag ich To-Do Listen. Sie helfen mir, mich sozial adäquat zu verhalten, und gleichzeitig Platz im Kopf für wirklich wichtige Dinge zu haben. Allerdings gibt es neuerdings ein Problem. Die To-Do Listen und ich, wir arbeiten nämlich recht gut zusammen. Nur führt diese Zusammenarbeit nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Sie sieht nämlich folgendermaßen aus: ich muss etwas machen. Etwas wirklich wichtiges. Zum Beispiel einen Text schreiben. Die Steuererklärung machen. Das Geburtstagsgeschenk der Abteilung für den Chef kaufen. Alles wirklich wichtige Sachen. Aber auch alles wirklich unliebsame Dinge. Ich weiß nämlich, dass sie lange dauern. Anstrengend sind. Und meistens weiß ich noch gar nicht genau, wo ich jeweils anfangen soll. Und da fängt das Problem an. Ich schreibe all diese Dinge auf eine To-Do Liste. Ganz nach oben. Schließlich sind es wirklich Top-Prioritäten. Und dürfen auf keinen Fall vergessen, oder von anderen, unwichtigeren Dingen, verdrängt werden. Darunter schreibe ich dann all die Dinge, die ich auch noch machen muss. Immer wiederkehrende, so wie: Haus putzen. Einkaufen. Wäsche waschen. Unkraut jäten. Und Sachen, die mal gemacht werden müssen. Das Regal im Keller aufbauen. Neue Saiten auf meine Gitarre spannen. Die Bank vor dem Haus streichen. 

Und ich kann machen was ich will: das Haus ist sauber, das Regal steht, tipptopp, und ist sogar einräumt, auf der Gitarre habe ich schon drei neue Lieder gespielt, und zwar auf der jetzt grün glänzenden Bank vor dem Haus. 

Und meine To-Do Liste strahlt. Strahlt, vor ganz vielen abgehakten Aufgaben. Sie ist richtig zufrieden mit mir. Gut gemacht! So viel schon erledigt! Dass die obersten Aufgaben immer noch unerledigt sind, kann ich vor lauter erledigt-Gefühlen da schon mal schnell vergessen. 
Deshalb habe ich mir überlegt, dass ich etwas ändern muss. Und siehe da, als hätten andere es geahnt, flattert an diesem Tag meine abonnierte Zeitschrift ins Haus, und hat, als besonderes Extra, dieses Mal eine Sonderbeilage: ein kleines Heft, DIN A6, mit dem Titel: „Das mache ich morgen! 48 Seiten Tipps für ein besseres Zeitmanagement.“ Super, habe ich mir gedacht, und das Heftchen gleich auf die Küchenanrichte gelegt, damit ich es ganz schnell lesen kann. Ich hätte es natürlich auch sofort lesen können, aber das passte irgendwie nicht so gut. Ich weiß schon gar nicht mehr warum. Aber ist ja auch nicht so schlimm. Ich habe ich es ja extra ganz offen da hingelegt, wo ich es sofort sehen würde, wenn ich Zeit finden würde. 

Da lag es also. Am nächsten Tag hatte ich immer noch keine Zeit gefunden. Es lag mir auf der Anrichte im Weg, deshalb habe ich es ins Wohnzimmer gelegt. Nicht, dass die wertvollen Tipps noch Ölspritzer abbekommen würden. Einige Tage später war mal wieder Zeit für den Hausputz. Das Heft lag auf dem Tisch, den ich wirklich mal wieder entstauben musste. Also ist es ins Bücherregal gewandert. Nachdem ich es vorher ganz sorgfältig entstaubt hatte. Da lag es nun. Ziemlich lange, glaube ich, denn als ich vor einigen Tagen ein neues Buch aus dem Regal holte, hat mich das Heft angesehen, und ich wusste erst gar nicht mehr, dass ich es vorher schonmal gesehen hatte. Ich habe es dann, etwas verschämt, auf den Tisch zurück gelegt. Da würde ich es dann sofort sehen, wenn ich endlich die Zeit finden würde.

Und heute ist es dann passiert. Das Heft mit den 48 Seiten Tipps für ein besseres Zeitmanagement ist im Müll gelandet. Ungelesen. Ich hatte ein bisschen Bauchweh dabei. Aber nur ein bisschen. Schließlich habe ich es direkt entsorgt. Und zwar heute. Und nicht erst auf meine To-Do Liste geschrieben, dass ich das Heft entsorgen sollte. Irgendwie scheint es also wohl doch geholfen zu haben.

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6 Gedanken zu “Das mache ich morgen 

  1. „Und meine To-Do Liste strahlt. Strahlt, vor ganz vielen abgehakten Aufgaben.“

    Dann machst Du machst doch alles richtig. Während Du die richtig unangenehmen Sachen vor Dir herschiebst, wird sich irgendwann etwas furchtbar wichtiges, aber noch unangenehmeres an die Spitze Deiner Liste katapultieren. Und dann machst Du einfach zur Vermeidung dieser neuen Sache die Steuererklärung, die auf einmal gar nicht mehr schlimm ist (ich stelle mir dabei immer vor, mit welchem Urlaub ich die zu erwartende Rückzahlung gegenrechnen werde). Oder man merkt, dass manches entweder doch nicht wichtig war, oder sich sogar magisch „von selbst“ erledigt hat (weil die hyperaktive Kollegin nervös geworden ist und sich um das Geschenk gekümmert hat, weil Du nicht aus den Puschen kamst). Alles in Ordnung also 😉

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