War einmal ein großes Volksfest. Da kamen viele Leute, aus allen Ecken, zusammen. Eigentlich wusste keiner so genau, warum er hinging, aber weil alle gingen, ging man eben auch mit. So war das eben bei Volksfesten. Es gab Karussells für die Kinder, und Buden mit Bier und Limonade, und Bratwurst, mit Senf oder Ketchup. 

Die größte Attraktion aber war eine abgesperrte Wiese. Eine Wiese? Natürlich nicht die Wiese selber- sondern das, was darauf war. Jeder Bauer hatte nämlich ein Schaf zum Volksfest schicken dürfen, und jetzt standen die flauschigen Dinger da rum, und blökten. Ein regelrechtes Blök-Konzert war das. Allein das war schon einen Anblick wert, aber wirklich zur Attraktion machte erst der nebendran stehende Automat die ganze Sache. Das war einer von diesen Automaten, wie man sie auch von der Straße kennt, mit einem Schlitz, um Münzen einzuwerfen, und einem Drehknauf. Und einem Fach, aus dem meist Kaugummi oder Zigaretten kamen. Aus diesem Automaten jedoch kam Futter. Futter für die Schafe. Und das war natürlich was! 

Ihr könnt euch vorstellen, dass man die Futterverteilung reglementieren musste. Sonst wäre das vermutlich ein ziemliches Chaos geworden. Deshalb durfte jeder Besucher nur einmal Futter verteilen. Außerdem war jedes Schaf auch mit einem Schafhirten gekommen. Auch die durften einmal füttern. Aber nicht ihr eigenes Schaf. Man wollte ja den Austausch untereinander fördern. Nicht vergessen, es handelte sich ja um ein Volksfest.

So war das also. Um die Wiese standen alle Besucher, auf der Wiese die Schafe mit ihren Hirten, und es wurde fleißig gefüttert. Trotz der Regeln war natürlich noch einiges in der freien Entscheidung der Fütterer. Und da kommt es natürlich auch schonmal dazu, dass ein Schaf mehr Futter erhält, als ein anderes. Sowas bleibt einfach nicht aus. Ist ja auch irgendwie okay. Manchmal mag man ja den Blick eines Schafes lieber. Oder ein anderes blökt so schön. Die Schafhirten fanden das aber gar nicht schön. Einer wurde sehr böse. Er behauptete, sein Schaf hätte, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, und nur die Hirten gefüttert hätten, am meisten Futter erhalten. Aber durch die Fütterungstechnik der Besucher hätte ein anderes Schaf viel mehr erhalten. Er witterte eine Verschwörung. Vor Jahren habe ein Schaf seines Bauern mal ein Schaf des anderen Bauern gebissen. Angeblich. Das würde ihm jetzt immer noch zum Verhängnis werden. Und das sei nicht fair. Andere Hirten schalteten sich ein, und weil das ganze ja irgendwie auch Teil des Festes war, debattierten auch einige Besucher mit. Nicht unbedingt, weil sie was zu sagen hatten. Aber weil man eben was zu sagen hatte, wenn es um sowas ging. 

Die Bauern aber, deren Schafe es ja schließlich waren, die schwiegen. Die waren gar nicht da. Die waren sogar ganz froh über die wollige Ablenkung. Die Schafe wurden nämlich irgendwann geschoren, und dann wurde die Wolle verteilt. Einige Besucher würden dann vielleicht den ein oder anderen Pullover aus Schafwolle kaufen. Aber ob das Schaf jetzt vorher mehr oder weniger gefüttert wurde, das spielte für die Wollpulloverausbeute dann auch keine große Rolle mehr. Im Übrigen war es ihnen eigentlich auch relativ egal, was die Wolle ihnen brachte. Denn für Sie ging es um ganz andere Sachen. Um den größten Traktor. Oder die meisten Traktoren. Das meiste Land. Den größten Ertrag durch Mais und Weizen. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Eigentlich, ja eigentlich, wussten das auch die Besucher des Volksfestes. Und deshalb tranken sie auch noch ein Bier, aßen eine Bratwurst, und gingen dann nach Hause. War ja auch wirklich genug Volksfest gewesen, jetzt. 

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