Lest ihr meinen Blog mit einem Smartphone? Oder mit einem Tablet? Oder zumindest auf dem eigenen Laptop? Habt ihr Zuhause das Bücherregal gegen einen eBook Reader ausgetauscht? Kurz: Seid ihr, in irgendeiner Weise, vernetzt? 
Dann habe ich euch jetzt. 
Seit einiger Zeit nutze ich die Technik, die auch in Kindle und Co steckt: die neue Form von Big Brother. Der Beobachter, der die Realität anpasst, um möglichst viel von den Nutzern zu erhalten. Das Ganze ist ziemlich einfach. Die Reader erkennen, wie lange der Leser auf einer Seite verharrt, welche Wörter markiert und welche nachgeschlagen werden. Anhand dieser Daten wird ein Profil erstellt, das aufschlussreich über den Nutzer informiert und personalisierte Werbung ermöglicht. Aber, das ist noch nicht alles: mittlerweile werden ganze Bücher umgeschrieben, wenn der Verlag feststellten musste, dass das Gros der Leser an einer mehr oder weniger bestimmten Stelle das Lesen einstellt. Und plötzlich ist womöglich Voldemort gar nicht mehr tot, auch wenn wir das alle noch denken. Gruselig? Schon. 
Aber: Ich denke, das Ganze ist noch ausbaufähig. Deutlich. 
Man stelle sich das vor: in Schokolade werden Chips eingebaut, die erkennen, ob die gesamte Tafel in eins aufgegessen wird- oder womöglich in teilen weggeworfen. Akustikteile könnten erkennen, ob der Schokoladenesser gerade weint (und deshalb womöglich eher zu Zartbitter greift) oder ärgerlich ist (und deswegen die Vollnuss präferiert). 
Kleidung könnte bezüglich ihrer Tragehäufigkeit analysiert werden, um eine längere Tragedauer zu erzielen- oder aber gerade das Gegenteil (frei nach: weniger ist mehr. Weniger tragen ist mehr kaufen). 
Sportgeräte könnten erkennen, wann ihre Benutzer schlapp machen- und an diesem Moment automatisch runterdrosseln, um dem fleißigen Sportler die Illusion zu geben, er hätte wirklich 1h auf höchster Wattzahl mit dem Trimmrad gekämpft. Ich bin mir sicher, das würde die Beliebtheit von Laufband und Stepper drastisch erhöhen. 
Die deutsche Bahn hingegen wendet das System vermutlich längst an. Über Kameras wird ermittelt, wie lange die Reisenden am Bahnhof auf den verspäteten Zug warten, bis sie entnervt einen Kaffee holen, mehr Zigaretten kaufen- oder ganz den Bahnhof verlassen. Die maximal mögliche Wartezeit wird dann regelmäßig ausgereizt. Je länger die Kunden in den Händen des Unternehmens weilen, umso mehr Möglichkeiten gibt es, Produkte an ihn zu bringen- und damit Geld von ihm zu erhalten. 

All das soll dann die Wirtschaft beleben- und zwar, indem der Kunde in der Illusion größtmöglicher Zufriedenheit gewägt wird.
Wenn dann klar ist, wann wir was aufgeben und wie man das Produkt manipulieren muss, um es uns doch wieder liebsten zu machen, dann kann der Markt endlich, endlich, wieder funktionieren.
Es gibt allerdings eine Kategorie, in der die Verbesserungstechnik mangels Kontrollierbarkeit nie angewendet werden wird. 

Ausgerechnet in dieser Sparte jedoch scheinen tausende Menschen bereits seit Jahren davon auszugehen, dass eine derartige Funktion existiert: in Beziehungen. Anders ist wohl kaum zu erklären, warum so viele Menschen immer und immer wieder mit ihrem Expartner zusammen kommen, obwohl sie sich geschworen haben, sich „nie wieder auf diesen Menschen!“ einzulassen. Menschen sind eben doch nur in Teilen berechenbar. Aber wenn es dann wirklich mal wieder nicht geklappt hat, versprechen uns Datingportale, jetzt endlich den richtigen berechnen zu können. Vielleicht sogar bald anhand unserer Lesegewohnheiten im Kindle.
Ich wünsche euch was. 
P.s.: ich habe übrigens analysieren lassen, wer bei diesem Text wann aufgehört hat zu lesen. 

Wer bis zur Schokolade gekommen ist, hatte Frust. Und hat direkt passende Werbung auf seine Geräte erhalten.

Wer bis zu den Sportgeräten gekommen ist, wird in den nächsten Tagen überproportional viel über das neue Fitnessstudio direkt um die Ecke lesen.

Und wer hier unten gelandet ist- dem muss unendlich langweilig gewesen sein. In diesem Fall hilft vermutlich alles. Aber fangen wir erstmal mit Büchern zur Selbstverwirklichung an.
Stimmt nicht? Ihr meint, ihr wisst selber besser, warum ihr diesen Blogeintrag überhaupt gelesen habt? Vergesst es. Der Algorithmus hat immer recht. Und wenn nicht, dann sorgt er dafür, dass nur seine Sicht der Welt zählt. 

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