Ich habe heute, aus Versehen, einen bereits bestehenden Beitrag gelöscht. Und zwar war ich dabei so schnell, dass ich es nicht einmal geschafft habe, den Vorgang rückgängig zu machen. Also, weg mit dem guten Stück. Ob es so gut war, darüber lässt sich womöglich streiten. Fakt ist: zwei Leute hatten „gefällt mir“ gedrückt. Zwei. Bei einem Blog wie meinem ist das in etwa so, als wenn der Tatort am Sonntagabend 30% Quote bekommt. Obwohl es der mit Til Schweiger ist. Überhaupt: ich mag diese „gefällt mir“ Sternchen. Das ist irgendwie so, wie früher die Fleißaufkleber, die es in der Grundschule gab, wenn man schneller fertig war, oder etwas besonders gut gemacht hatte. Nur noch viel besser, die Fleißaufkleber klebten nämlich nur in meinem Schulheft, sichtbar nur für mich. Die „gefällt mir“- Sternchen kleben an meinem Beitrag, sichtbar für alle. Also sind sie eher sowas wie Fleißaufkleber gepaart mit einem Stern auf dem Walk of Fame. Ein Belohnungspopularitätshybrid, quasi. 
Naja. Der Beitrag war auf jeden Fall weg. Kein Problem, hab ich mir gedacht- schließlich hatte ich den Text ja noch. Also flugs einen neuen Beitrag erstellt, mit gleichem Inhalt, gleicher Überschrift, gleichen Schlagwörtern. Ging ganz einfach. Dann hab ich mich zurückgelehnt und gedacht: alles wieder gut. Alles wieder wie vorher.
Aber: Nichts da. Gar nichts war gut. Denn es war überhaupt nicht wie vorher. Mit dem Löschen waren auch die beiden Sternchen weg. Beide. Weg. Das wiederum fühlte sich so an, als wenn der Tatort am Sonntagabend so gut ist, dass er 50% Quote bekommen könnte, aber der Türkei der Gesichtsausdruck von Til Schweiger nicht gefällt, und er deswegen gar nicht erst ausgestrahlt wird.
Das ist nicht einfach nur dumm gelaufen. Das ist ein Verlust, den sich niemand vorstellen kann, der nicht wenigstens einmal im Lokalteil der Lokalzeitung als Drittplatzierte im Kaninchenzuchtwettbewerb erwähnt wurde. Mit Foto! 
Also saß ich da, vor meinem Laptop, starrte auf meinen Beitrag und weinte innerlich. Und fragte mich dabei, warum ich eigentlich gerade so litt. Weil, Hey: ich weiß auch, dass diese beiden Menschen auch den neuen Beitrag mögen. Schließlich ist es genau der gleiche. Warum also erging es mir wie Napoleon auf St. Helena? 
Ganz einfach: weil ich nicht einfach nur wissen wollte, dass diese zwei Menschen meinen Beitrag mögen. Nein. Ich wollte, dass andere Leute wissen, dass diese zwei Menschen meinen Beitrag mögen. Ich wollte diese zwei Sternchen! 

Mein Ego saß deprimiert in einer Ecke, während mein Ärger im Porzellanladen Amok lief. 
Ich saß also vor dem neuen- alten- Beitrag, und bemerkte, dass ich offenbar begann, verrückt zu werden. Ich starrte auf den Text, die Wörter verschwammen vor meinen Augen, und dann sah ich etwas, dass es nicht gab: Sterne. Da da waren keine zwei Sterne. Und ich sah sie trotzdem. Egal wo ich hinsah. Ich sah also zwei Sterne, und sah sie doch nicht. Es war verrückt. Oder war ich verrückt? 
Irgendwann gewann mein Verstand Oberhand. Bevor ich Gefahr lief, völlig durchzudrehen, überlegte ich, wie ich mein angekratztes Ego wieder aufbauen konnte.

Ich überlegte, den Beitrag auf Facebook zu veröffentlichen. 

Ich überlegte, mich in die Fußgängerzone zu stellen, meinen Beitrag wiederholt zu rezitieren, und dabei ein Schild um den Hals zu tragen, mit der Aufschrift: Kunst gegen Hugs. 

Und ich dachte ernsthaft darüber nach, ein Video auf YouTube zu veröffentlichen, in dem ich um likes bitte. Wirklich. 
Aber getan habe ich nichts davon. Ich wollte einfach nicht erst lange noch auf den Ruhm hinarbeiten. ich hatte doch schon etwas getan. Und dafür wollte ich wollte Bestätigung und Anerkennung. Jetzt und sofort!

Aber nichts. Keine Sterne. 

Also begann ich, zu überlegen, ob ich nicht irgendetwas besitze, was meine Größe, und meine Relevanz, meine Fähigkeiten und meine Verdienste um Vaterland und die Menschheit ausdrückt. Es war nicht einfach, muss ich euch sagen. Denn:

Ich habe weder ein Bundesverdienstkreuz noch einen Ritterorden. Ich habe auch keine Goldmedaille aus Olympia. Ich habe keine Urkunde, die mich als Ehrendoktor einer Universität ausweist. Und ich habe auch keinen Nobelpreis, Oskar, Grammy. Ich habe nichtmal eine goldene Himbeere. Es war zum Verzweifeln! 

Aber, ich wäre nicht ich, wenn ich nicht doch noch etwas gefunden hätte, das imstande war, mir das zu geben, was ich brauchte, um mich aus meinem Tief herauszuholen. 
Ich bin schwimmen gegangen. In meinem alten Badeanzug. Der ist zwar viel zu klein, aber mitten darauf prangt etwas, das ich in unserem kleinen Hallenbad ganz stolz den Rentnern und Kindern präsentierte: Mein Seepferdchenabzeichen. Und dann war alles wieder gut.

*kleine Anmerkung: ich habe diesen Text auf meinem Apfeltelefon verfasst. Als Notiz. Und als er fast fertig war, die gesamte Notiz gelöscht. Glücklicherweise besitzt mein Telefon eine Kategorie namens „zuletzt gelöscht“. Da fand ich ihn wieder. Ihr könnt euch meine Freude nicht vorstellen.

Diesen Verlust hätte nicht einmal mein Seepferdchen wieder wett machen können. 

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2 Gedanken zu “Griff nach den Sternen

  1. Das kenne ich so gut: Man ist so schnell geworden im Buttons drücken, man macht das so automatisch, Löschen? – ja – wirklich löschen? – ja – neeeeeein!
    Was für eine traurige Geschichte, welcher Artikel war es?

    Gefällt mir

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