Bedeutungsschwere Worte 

Vor kurzem erzählte mir ein Bekannter etwas, das er erlebt hatte. Ich will euch die Geschichte nicht verschweigen. 
„Ich hab gerade eine Szene in der Bahn erlebt. Da steigen drei Jugendliche ein, und die Zugbegleiterin sagt direkt: raus. Ihr habt Hausverbot. Von den Jugendlichen keine Reaktion. An der nächsten Station steigen sie aus. Ihr Schweigen war kein betretenes Schweigen. Sie wussten offenbar genau, was sie taten.“
Welches Bild entwerfen diese Sätze in eurem Kopf? Nehmt euch einen kleinen Moment, um euch die Szene genau vorzustellen. Wer steigt da ein? Wie genau reagiert die Schaffnerin? Was machen wohl die anderen Fahrgäste, die die Szene beobachten? 

Habt ihr das Bild vor Augen? 
Jetzt kommt nämlich die Geschichte, wie ich sie tatsächlich gehört habe. 
„Ich hab gerade eine Szene in der Bahn erlebt. Da steigen drei Jugendliche ein, arabisches Aussehen, und die Zugbegleiterin sagt direkt: raus. Ihr habt Hausverbot. Von den Jugendlichen keine Reaktion. An der nächsten Station steigen sie aus. Ihr Schweigen war kein betretenes Schweigen. Sie wussten offenbar genau, was sie taten.“
Ist da ein Unterschied, in dem, was ihr jetzt vor euch seht? Wie verändert sich das Bild? Welche Gedanken kommen da gerade hoch? Welche Geschichte entsteht jetzt in eurem Kopf? 
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Mir aber schoss eine Frage durch den Kopf:

Welchen Mehrwert bringt das Attribut „arabisches Aussehen“ für die Geschichte? Macht es einen Unterschied, ob die Jugendlichen deutsch, arabisch, chinesisch oder außerirdisch aussehen? (Letzteres wäre vermutlich tatsächlich eine Nachricht wert)
„Ich habe die Jugendlichen nur so beschrieben, wie sie aussahen“, verteidigt sich der Sprecher. 
Seit wann ist arabisches Aussehen eine hinreichende Beschreibung? Wenn ich jemandes Aussehen beschreiben soll, dann nenne ich neben Haarfarbe und Größe sicher noch Kleidung und Accessoires. Kleider machen Leute, sagte man mal. Heute machen Ethnien Vorurteile. 

Schriftsteller nutzen Personenbeschreibungen, um ein möglichst lebendiges Bild ihrer Charaktere zu schaffen: sie sollen vor dem bildlichen Auge erscheinen, mit all ihren Attributen, mit Stärken und Schwächen, Eigenarten und liebenswerten Charakterzügen. Sherlock Holmes hatte immer seine Pfeife dabei. Was sagt uns das? Ein Genießer. Ein Denker. Aber auch einer der höheren Schicht. Jemand, der sich eine Pfeife leisten kann, und nicht bloß preiswerte Glimmstängel. Diese Pfeife trägt dazu bei, Sherlock Holmes in seiner Person als Ganzes besser zu verstehen.

Was aber sagt uns das Attribut „arabisches Aussehen“ über diese Jugendlichen?

Die Jugendlichen können in Deutschland geboren sein, oder vor kurzem hierhin gekommen, sie können hier Urlaub machen oder dauerhaft wohnen. Vielleicht haben sie eine arabische Mutter, oder einen arabischen Vater, oder aber sie sehen einfach nur so aus, wie man sich klassischerweise jemanden vorstellt, der aus dem arabischen Raum kommt- wie auch immer das sein mag- obwohl sie tatsächlich ganz andere Wurzeln haben. Ob sie deutsch sprechen oder nicht- es spielte in der Szene keine Rolle, sie haben die Schaffnerin zumindest verstanden, aber das ergab sich auch schon aus der ersten Variante. Das Attribut trägt also nichts, aber auch rein gar nichts zur Geschichte bei. 

Was will uns der Sprecher also damit sagen? 

„Ausländer.“ 

Und damit wäre die Klischee-Schublade wieder offen. So einfach geht das. 

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