Europa geht baden 

Oh, es geht ein Ruck durch dieses Haus. Bilder fallen von den Wänden, und es zeigen sich Risse, wo einst schöne Darstellungen hingen. 

Gut möglich, dass die Risse schon da waren, sagt der herbeigerufene Statiker. Im Nachhinein lässt sich das nicht immer so sagen. Aber es kann auch sein, dass sie Folge der aktuellen Belastungen sind. 

Ja, die Belastungen, stöhnt der Hausherr, und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die sind wirklich gestiegen. 

Woran das liege, fragt der Statiker, denn er kann sich nicht vorstellen, was passieren muss, dass so ein großes Haus in seinen Grundfesten erschüttert wird. 

Nun. Der Frühling war’s. Frühling ist schön, wirklich. Aber dieser Frühling war etwas besonderes. Er hat dem Winter deutlich mehr auf die Nase gehauen, als man das sonst so kennt, und jetzt haben wir die Folgen: Die Schneeschmelze. So stark war es noch nie. Und die Folge: der Fluss schwillt an. Aus dem kleinen Rinnsal, das sich sonst den Berg herunter schlängelt, mühsam und oft stockend, wird ein reißender Fluss. In Bahnen wälzt er sich ins Tal, und versperrt man den einen Weg, so findet er einen anderen. 

Da oben auf halber Höhe steht ein Damm, der das Wasser etwas zurückhalten soll. Aber der Dammwärter neidet uns unser schönes Haus, und so hat er anderes im Kopf, als sich darum zu kümmern, den Strom einzudämmen. Und dann schallt es wieder „Wasser marsch!“ von oben herab, und dann kommt eine neue Welle. Wir haben jetzt einen Vertrag mit ihm: für all das Wasser, das an seinem Damm vorbei den Berg herunterfließt, pumpen wir Wasser hinauf und er leitet kontrolliert Wasser herunter. Dafür kriegt er Geld- schließlich soll er den Damm ja auch noch weiter ausbauen. 

Klingt für mich ziemlich verwässert, sagt der Statiker. Finden Sie, fragt der Hausherr. Dann stimmt er zu. Möglich. Wir mögen ihn nicht so sehr, den Dammwärter. Das ahnten Sie bestimmt schon? Deswegen: keine Ahnung, ob das mit dem Geld so funktioniert. Hauptsache wir haben erstmal unsere Ruhe. 

Naja. Genug von diesen Streitereien. Schauen Sie mal nach draußen, sehen Sie das? Das Wasser wirbelt eine ganze Menge braunen Schlamm auf. Schön ist das ja nicht gerade, auch wenn man weiß, dass der Schlamm ja sonst auch da ist. Aber man hat mehr zu tun, um den Dreck wegzuputzen. Das ist schon viel Arbeit. 

Aber kommen wir nun zum eigentlichen: das Wasser drängt nämlich über die Ufer, und rein ins Haus. Und dann hat man den Schlamassel.

Aber sie haben ihr Haus doch auf stabilen Grundpfeilern gebaut. Da kann ein wenig Flut ihnen doch nicht den Boden unter den Füßen wegreißen, sagt der Statiker, etwas irritiert. 

Haben wir das? Nun. Möglich. Aber wir haben uns da irgendwie selber die Stabilität genommen. Wir haben uns überlegt, höher werden zu wollen, größer. Und vor allem schöner, glänzender, strahlender. Wachstum! Wachstum! Hach, was für ein schönes Wort. Und dafür war das Fundament dann vermutlich doch nicht geeignet. Und jetzt sehen Sie sich die Folgen an!

Am schlimmsten ist es im Erdgeschoss. Dort ist das Chaos ausgebrochen. Es ist der älteste Teil des gesamten Hauses, und die Wände waren schon marode, bevor das Wasser kam. Eigentlich hätten wir längst was tun müssen, aber so richtig profitabel ist der Teil auch nicht mehr. Und so rein aus Nostalgie? Ich weiß nicht, dafür denke ich zu wirtschaftlich. Also ging es in der letzten Zeit eher darum, die Substanz nicht völlig zerfallen zu lassen, anstatt einmal richtig zu restaurieren. Jetzt ärgere ich mich etwas, ich kann das jetzt nicht auch noch gebrauchen. Das destabilisiert mir jetzt echt das ganze Gebäude. 

Haben Sie sich die Bauweise dieses Teils mal genauer angesehen?, fragt der Statiker. 

Sie meinen, weil der Teil so alt ist? 

Ja. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass so alte Teile erstaunlich viel Wissen in sich bergen. Die Menschen damals haben ihre Steine sehr überlegt aufeinander gesetzt. 

Jaja. Haben wir uns alles genau angesehen. Haben ja auch so gebaut, die weiteren Teile. Aber mehr kann man da echt nicht von lernen. Also besser vergessen. Irgendwann hat sich das Problem vielleicht von selber erledigt.

Der Statiker schweigt, und fragt sich, wie man vergessen will, dass gerade die Wände im Erdgeschoss zusammenbrechen. 

Da unterbricht der Hausherr aber schon wieder seine Gedanken: Und jetzt sehen Sie sich das an! Da oben, der Balkon- ich weiß, ein bisschen extravagant ist er schon, aber er macht sich gut da, finden Sie nicht auch?- naja, der Balkon auf jeden Fall, er droht abzubrechen. Der Statiker nickt. Das sehe ich. Behalten Sie ihn im Auge. Spätestens im Sommer wissen wir mehr. Am 23. Juni kann ich wiederkommen, dann schauen wir uns genauer an, wie stark beschädigt die Statik dort wirklich ist. 

Ach, wenn wir nur wüssten, wie wir das Wasser vernünftig verteilen sollen. Dann hätten wir endlich genug Zeit, uns um die maroden Teile zu kümmern. Aber wir wissen einfach nicht wohin mit den Massen. 

Wir könnten das Wasser ja nutzen, um daraus Energie zu gewinnen, sagen einige. Aber mal ehrlich: Was für eine blödsinnige Idee. Als wenn das funktionieren würde, so unstetig, wie der Strom den Berg herunterkommt. Und wenn wir das Wasser nutzen, um unsere Felder zu bewässern? Wir müssten es nur ein wenig lenken, in vernünftige Bahnen, dann könnten wir wirklich davon profitieren. Wir könnten viel mehr Felder bewirtschaften, und wären nicht so sehr von der Dürre betroffen, wie die letzten Jahre, sagen andere. Aber wissen Sie, was da alles mit dem Wasser mitgeschwemmt wird? Ne. Wirklich nicht. Das Gemüse will ich dann ganz sicher nicht mehr essen.

Naja. Und so fließt das Wasser in die Kellerräume, und alles fängt an zu schimmeln. Wenn das so weitergeht, dann können wir das Haus bald abreißen. Schade drum. Aber vielleicht war’s auch echt nicht stabil genug. Muss ja nicht alles für die Ewigkeit sein. 

Der Statiker schüttelt den Kopf. So viel Achtlosigkeit. Dabei ist das Haus schön. Wirklich schön. Eigentlich will er gar nichts mehr sagen. Dann sagt er aber doch noch etwas. Vielleicht gerade deshalb.

Er glaube nicht, dass der Schimmel vom Wasser käme. Der sei selber gezüchtet. Und was man mit dem Wasser anstellen könnte, er wüsste gar nicht, warum sich der Hausherr so den Kopf darüber zerbrechen würde. 

Es gäbe doch eine Gruppe, die scheine all das gar nicht zu stören. 

Da draußen in der Sonne, in einem selbst gegrabenen Becken, dort plantschen nämlich die Kinder im Wasser und jauchzen vor Freude. 

Vielleicht solle der Hausherr die mal fragen?

Ich möchte hiermit ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich die Flüchtlinge nicht als Überflutung, Naturkatastrophe oder ähnliches ansehe, wie es so einige deutsche Politiker, insbesondere aus der rechten Szene, getan haben. Es war in diesem Fall einfach nur ein gutes Bild. Ich glaube aber, das geht aus dem Text hervor. Aber ihr wisst ja, better safe than sorry. Sonst landet das nachher noch beim deutschen Botschafter….;) 

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