Die Dinge ohne die Dinge 

Neulich in der Mittagspause. Die Kollegin aus dem Büro nebenan bringt ihren Salat mit in die Kantine. Sieht irgendwie spannend aus. „Was isst du denn da feines?“ „Quinoasalat.“ „Qui-was?“ Sie lacht. „Quinoa. Man spricht es Kinwaaah aus. Ein Superfood. Wie Getreide, nur dass es kein Getreide ist. Weil das soll ja so ungesund sein.“ Ich schaue auf meine Nudeln. Schmecken eigentlich ganz gut.“Und was gibt’s dazu?“ Ich beäuge misstrauisch ihre Tupperdose. Darin liegt etwas, das verdächtig nach Fleisch aussieht. Aber ich traue dem Braten nicht- im wahrsten Sinne des Wortes. „Sind das Würstchen?“ „Ja, vegane. Aus Tofu. Sehen total echt aus, oder? Schmecken auch wie Fleisch. Ist aber eben keines.“ Schweigend pieke ich die Schinkenstücke aus der Carbonarasauce auf die Gabel.

Sie geht schonmal zum Nachtisch über. Mittlerweile weiß ich ja, was ich zu erwarten habe. „Das ist bestimmt Soja-Joghurt, oder?“, frage ich mit Blick auf ihren Becher, und kann meinen Stolz darüber, dass ich wenigstens diesen Trend mitbekommen habe, nicht ganz verbergen. Aber: wieder verfehlt. „Ach Quaaatsch. Der schmeckt ja wie Getreide. Nein, das hier ist Joghurt aus Kokosmilch! Gibt es noch gar nicht so lange. Und ist halt viel gesünder, weil Milch ja wirklich nur für Kälbchen ist, aber nicht für uns Menschen.“ Mit Schwung reißt sie den Aludeckel von ihrem Joghurt, Verzeihung, ich präzisiere: von ihrer Kokosmilch mit Joghurtkulturen.

„Schmeckt das dann nicht total süß?“ Ich habe plötzlich den Geschmack von Piña Colada auf der Zunge. „Ist da eigentlich auch Milch drin?“, schießt es mir durch den Kopf. Ihre Reaktion holt mich zurück. „Ne. Nicht so stark. Aber ich nehme Stevia zum süßen.“ „Stevia?“ Mittlerweile fühle ich mich so ungebildet wie ein Fußballspieler auf einer Balletaufführung. „Ja. Damit schmeckt es dann echt super.“ „Ist das Zucker?“ „Ne. Der ist ja so ungesund.“ „Ach so, ich weiß schon. Das ist einer von diesen Süßstoffen, richtig?“ Sie schaut mich stirnrunzelnd an. Ich vermute, jetzt bin ich wirklich durchgefallen. „Nein, die sollen ja auch nicht gut sein, auf Dauer. Machen Heißhunger und so. Ist ja auch alles künstlich. Stevia ist eine Pflanze. Natur pur.“ Und damit beginnt sie ihren Kokosmilchjoghurt ohne Milch, süß dank Stevia aber ohne Zucker, zu löffeln.

Ich schiebe mein Tablett zur Seite. Mir ist der Appetit vergangen. 
Ich schlafe schlecht in dieser Nacht. Weizenkörner jagen mich wie Hitchcocks Vögel, und die einzige Rettung finde ich, indem ich kopfüber in ein Meer aus Kokosmilch eintauche. Nach Luft schnappend wache ich auf. 

Wie in Trance verlasse ich das Bett und öffne meine Tür. Mein Mitbewohner kommt gerade aus seinem Zimmer und grinst mich an. „Na, harte Nacht?“ Ich stöhne nur. „Dann hab ich was für dich.“ Mit einer Tube wedelt er unter meiner Nase herum. „Was ist das?“ „Zahncreme. Fluoridfrei! Das soll ja echt giftig sein, immer Fluorid aufzunehmen. Ich schenke dir hiermit eine Dosis strahlende Zähne ohne Gesundheitsschäden, für einen strahlenden Tag!“ Ich wanke ins Bad und halte meinen Kopf unter kaltes Wasser. 

Auf dem Weg zum Büro komme ich an einem Coffeeshop vorbei. Ja! Der junge Mann hinter der Theke lächelt mich trotz der frühen Stunde strahlend an. Womöglich hat er auch die Zahncreme…? Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite. „Einen Latte Macchiatto bitte.“

„Laktosefreie, Soja- oder Hafermilch? Mit Sirup oder ohne? Bohnen aus Nicaragua oder Bolivien?“, schleudert es mir daraufhin entgegen. So viel Optionen überlasten mich am frühen Morgen. Ich kapituliere. „Geben Sie mir einfach einen Kamillentee.“ „Dann eben einfach einen Tee. Kommt sofort.“ So einfach geht es dann wohl doch nicht. Der Preis lässt bei mir das schale Gefühl zurück, ich hätte eine Aktie der Kaffeehauskette gekauft, nicht heißes Wasser mit Teebeutel. Als ich zum Trinken ansetze, verbrenne ich mir die Zunge. Ich freue mich aufs Büro. 
Abends treffe ich einen Freund in einer Bar hier im Viertel. Wir sehen uns regelmäßig, etwa alle zwei Wochen, und zu den neuesten Informationen aus seinem und meinem Leben gehört für ihn klassischerweise ein Bier. Der Wirt kennt uns längst. „Wie immer?“ Mein Freund schüttelt den Kopf. „Ein alkoholfreies Weizen für mich.“ Ich schaue ihn verdattert an. „Muss ja nicht immer die volle Dröhnung sein.“ „Und warum dann Weizen“, möchte ich wissen. Er hasst Bayern. „Das soll super sein nach dem Sport. Isotonisch und so. Direkt nach dem Sport erstmal ein alkoholfreies Weizen. Und dann noch schnelle Kohlenhydrate und gutes Eiweiß. Dann kann man laufen, ohne Muskelkater danach. Klingt doch super, oder nicht?“ Klingt anstrengend, denke ich, und versuche darüber nachzudenken, was ich eigentlich nach dem Sport esse. Keine Ahnung. Also erstmal das Thema wechseln. „Trinkst du dann gar keinen Alkohol mehr?“ Finde ich ja schon irgendwie super, seine Haltung. „Ach Quatsch! Das wär ja totaler Blödsinn. Aber ich hab so richtig tolle Tabletten gefunden- wenn man die nach einem echt harten Abend nimmt, dann hat man am nächsten Tag garantiert keinen Kater! Saufgelage ohne Folgen. Wahnsinn, was die alles erfinden können!“ Der Wirt steht immer noch neben uns. Mittlerweile wirkt er leicht ungeduldig. „Und was möchte die Dame?“ „Ähm. Ein äh… Ein…“ Ich bin verwirrt. Heute bitte keine schwierigen Entscheidungen mehr. „Ein Wasser bitte.“ „Mit oder ohne Kohlensäure?“ Ich glaube, ich starre ihn an, als wenn ich derzeit ohne Gehirn unterwegs sei. Mein Kumpel ergreift die Initiative. „Sie nimmt ohne. Ist besser verträglich.“
Als ich an diesem Abend im Bett liege, fasse ich einen Entschluss. Morgen gehe ich Pizza essen. Mit ganz viel Käse. Und mit Rotwein. Aber einmal ohne schlechtes Gewissen bitte. 

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