P(kw)oesie

Wir alle kennen ihn vermutlich. Diesen Autofahrer der vor uns herfährt, insbesondere dann, wenn wir es eilig haben, und der ganz konstant seine Geschwindigkeit hält. Überholen unmöglich. Dahinter ruhig bleiben ebenfalls.

An genau diesen Menschen geht mein heutiges Gedicht.

An den Autofahrer des Monats 
Jeden Tag da fahre ich

 Zwischen Rand und Mittelstrich

Mein Auto glänzt wie Sternenstaub

Ich bin ein Wunder, mit Verlaub

Ich fahre ohne Ziel umher 

Benzinpreis kenn ich gar nicht mehr

Ach, ich bin ja so entspannt

Und das Tempo bleibt konstant

Der Tempomat ist eingestellt 

Die Coke ins Haltefach gestellt 

Bei Mecces werd ich auch noch halten 

Burger mit Kartoffelspalten

So kann ich dann den ganzen Tag 

Fahren wie ich gerne mag 

Wo andre längst am am Schlappen drehen 

Bleibt mein Fuß ganz einfach stehen 

Bundesstraße, Autobahn

Ich kann immer 70 fahrn 

Und zeigt das Schild mir schneller an

Muss ich doch nicht schneller fahrn?

Dieser ew’ge Leistungsdruck

Macht doch alle Mensch kaputt

So geht die Reise ruhig dahin 

In Stetigkeit find ich den Sinn

Hinter mir ne lange Schlange 

Dabei werd ich gar nicht bange

Ich halte nichts von Drängen lassen 

Sollen mich doch alle hassen 

Ich fahre wie es mir gefällt 

Die 70 sind fest eingestellt

Ändern werd ich nichts daran 

Weder jetzt noch irgendwann.

Und dann werde ich echt gewitzt.

mit 70 innerorts geblitzt. 

Ich weiß, was ihr nicht wisst 

Ich weiß, was ihr nicht wisst 

Lest ihr meinen Blog mit einem Smartphone? Oder mit einem Tablet? Oder zumindest auf dem eigenen Laptop? Habt ihr Zuhause das Bücherregal gegen einen eBook Reader ausgetauscht? Kurz: Seid ihr, in irgendeiner Weise, vernetzt? 
Dann habe ich euch jetzt. 
Seit einiger Zeit nutze ich die Technik, die auch in Kindle und Co steckt: die neue Form von Big Brother. Der Beobachter, der die Realität anpasst, um möglichst viel von den Nutzern zu erhalten. Das Ganze ist ziemlich einfach. Die Reader erkennen, wie lange der Leser auf einer Seite verharrt, welche Wörter markiert und welche nachgeschlagen werden. Anhand dieser Daten wird ein Profil erstellt, das aufschlussreich über den Nutzer informiert und personalisierte Werbung ermöglicht. Aber, das ist noch nicht alles: mittlerweile werden ganze Bücher umgeschrieben, wenn der Verlag feststellten musste, dass das Gros der Leser an einer mehr oder weniger bestimmten Stelle das Lesen einstellt. Und plötzlich ist womöglich Voldemort gar nicht mehr tot, auch wenn wir das alle noch denken. Gruselig? Schon. 
Aber: Ich denke, das Ganze ist noch ausbaufähig. Deutlich. 
Man stelle sich das vor: in Schokolade werden Chips eingebaut, die erkennen, ob die gesamte Tafel in eins aufgegessen wird- oder womöglich in teilen weggeworfen. Akustikteile könnten erkennen, ob der Schokoladenesser gerade weint (und deshalb womöglich eher zu Zartbitter greift) oder ärgerlich ist (und deswegen die Vollnuss präferiert). 
Kleidung könnte bezüglich ihrer Tragehäufigkeit analysiert werden, um eine längere Tragedauer zu erzielen- oder aber gerade das Gegenteil (frei nach: weniger ist mehr. Weniger tragen ist mehr kaufen). 
Sportgeräte könnten erkennen, wann ihre Benutzer schlapp machen- und an diesem Moment automatisch runterdrosseln, um dem fleißigen Sportler die Illusion zu geben, er hätte wirklich 1h auf höchster Wattzahl mit dem Trimmrad gekämpft. Ich bin mir sicher, das würde die Beliebtheit von Laufband und Stepper drastisch erhöhen. 
Die deutsche Bahn hingegen wendet das System vermutlich längst an. Über Kameras wird ermittelt, wie lange die Reisenden am Bahnhof auf den verspäteten Zug warten, bis sie entnervt einen Kaffee holen, mehr Zigaretten kaufen- oder ganz den Bahnhof verlassen. Die maximal mögliche Wartezeit wird dann regelmäßig ausgereizt. Je länger die Kunden in den Händen des Unternehmens weilen, umso mehr Möglichkeiten gibt es, Produkte an ihn zu bringen- und damit Geld von ihm zu erhalten. 

All das soll dann die Wirtschaft beleben- und zwar, indem der Kunde in der Illusion größtmöglicher Zufriedenheit gewägt wird.
Wenn dann klar ist, wann wir was aufgeben und wie man das Produkt manipulieren muss, um es uns doch wieder liebsten zu machen, dann kann der Markt endlich, endlich, wieder funktionieren.
Es gibt allerdings eine Kategorie, in der die Verbesserungstechnik mangels Kontrollierbarkeit nie angewendet werden wird. 

Ausgerechnet in dieser Sparte jedoch scheinen tausende Menschen bereits seit Jahren davon auszugehen, dass eine derartige Funktion existiert: in Beziehungen. Anders ist wohl kaum zu erklären, warum so viele Menschen immer und immer wieder mit ihrem Expartner zusammen kommen, obwohl sie sich geschworen haben, sich „nie wieder auf diesen Menschen!“ einzulassen. Menschen sind eben doch nur in Teilen berechenbar. Aber wenn es dann wirklich mal wieder nicht geklappt hat, versprechen uns Datingportale, jetzt endlich den richtigen berechnen zu können. Vielleicht sogar bald anhand unserer Lesegewohnheiten im Kindle.
Ich wünsche euch was. 
P.s.: ich habe übrigens analysieren lassen, wer bei diesem Text wann aufgehört hat zu lesen. 

Wer bis zur Schokolade gekommen ist, hatte Frust. Und hat direkt passende Werbung auf seine Geräte erhalten.

Wer bis zu den Sportgeräten gekommen ist, wird in den nächsten Tagen überproportional viel über das neue Fitnessstudio direkt um die Ecke lesen.

Und wer hier unten gelandet ist- dem muss unendlich langweilig gewesen sein. In diesem Fall hilft vermutlich alles. Aber fangen wir erstmal mit Büchern zur Selbstverwirklichung an.
Stimmt nicht? Ihr meint, ihr wisst selber besser, warum ihr diesen Blogeintrag überhaupt gelesen habt? Vergesst es. Der Algorithmus hat immer recht. Und wenn nicht, dann sorgt er dafür, dass nur seine Sicht der Welt zählt. 

Griff nach den Sternen

Griff nach den Sternen

Ich habe heute, aus Versehen, einen bereits bestehenden Beitrag gelöscht. Und zwar war ich dabei so schnell, dass ich es nicht einmal geschafft habe, den Vorgang rückgängig zu machen. Also, weg mit dem guten Stück. Ob es so gut war, darüber lässt sich womöglich streiten. Fakt ist: zwei Leute hatten „gefällt mir“ gedrückt. Zwei. Bei einem Blog wie meinem ist das in etwa so, als wenn der Tatort am Sonntagabend 30% Quote bekommt. Obwohl es der mit Til Schweiger ist. Überhaupt: ich mag diese „gefällt mir“ Sternchen. Das ist irgendwie so, wie früher die Fleißaufkleber, die es in der Grundschule gab, wenn man schneller fertig war, oder etwas besonders gut gemacht hatte. Nur noch viel besser, die Fleißaufkleber klebten nämlich nur in meinem Schulheft, sichtbar nur für mich. Die „gefällt mir“- Sternchen kleben an meinem Beitrag, sichtbar für alle. Also sind sie eher sowas wie Fleißaufkleber gepaart mit einem Stern auf dem Walk of Fame. Ein Belohnungspopularitätshybrid, quasi. 
Naja. Der Beitrag war auf jeden Fall weg. Kein Problem, hab ich mir gedacht- schließlich hatte ich den Text ja noch. Also flugs einen neuen Beitrag erstellt, mit gleichem Inhalt, gleicher Überschrift, gleichen Schlagwörtern. Ging ganz einfach. Dann hab ich mich zurückgelehnt und gedacht: alles wieder gut. Alles wieder wie vorher.
Aber: Nichts da. Gar nichts war gut. Denn es war überhaupt nicht wie vorher. Mit dem Löschen waren auch die beiden Sternchen weg. Beide. Weg. Das wiederum fühlte sich so an, als wenn der Tatort am Sonntagabend so gut ist, dass er 50% Quote bekommen könnte, aber der Türkei der Gesichtsausdruck von Til Schweiger nicht gefällt, und er deswegen gar nicht erst ausgestrahlt wird.
Das ist nicht einfach nur dumm gelaufen. Das ist ein Verlust, den sich niemand vorstellen kann, der nicht wenigstens einmal im Lokalteil der Lokalzeitung als Drittplatzierte im Kaninchenzuchtwettbewerb erwähnt wurde. Mit Foto! 
Also saß ich da, vor meinem Laptop, starrte auf meinen Beitrag und weinte innerlich. Und fragte mich dabei, warum ich eigentlich gerade so litt. Weil, Hey: ich weiß auch, dass diese beiden Menschen auch den neuen Beitrag mögen. Schließlich ist es genau der gleiche. Warum also erging es mir wie Napoleon auf St. Helena? 
Ganz einfach: weil ich nicht einfach nur wissen wollte, dass diese zwei Menschen meinen Beitrag mögen. Nein. Ich wollte, dass andere Leute wissen, dass diese zwei Menschen meinen Beitrag mögen. Ich wollte diese zwei Sternchen! 

Mein Ego saß deprimiert in einer Ecke, während mein Ärger im Porzellanladen Amok lief. 
Ich saß also vor dem neuen- alten- Beitrag, und bemerkte, dass ich offenbar begann, verrückt zu werden. Ich starrte auf den Text, die Wörter verschwammen vor meinen Augen, und dann sah ich etwas, dass es nicht gab: Sterne. Da da waren keine zwei Sterne. Und ich sah sie trotzdem. Egal wo ich hinsah. Ich sah also zwei Sterne, und sah sie doch nicht. Es war verrückt. Oder war ich verrückt? 
Irgendwann gewann mein Verstand Oberhand. Bevor ich Gefahr lief, völlig durchzudrehen, überlegte ich, wie ich mein angekratztes Ego wieder aufbauen konnte.

Ich überlegte, den Beitrag auf Facebook zu veröffentlichen. 

Ich überlegte, mich in die Fußgängerzone zu stellen, meinen Beitrag wiederholt zu rezitieren, und dabei ein Schild um den Hals zu tragen, mit der Aufschrift: Kunst gegen Hugs. 

Und ich dachte ernsthaft darüber nach, ein Video auf YouTube zu veröffentlichen, in dem ich um likes bitte. Wirklich. 
Aber getan habe ich nichts davon. Ich wollte einfach nicht erst lange noch auf den Ruhm hinarbeiten. ich hatte doch schon etwas getan. Und dafür wollte ich wollte Bestätigung und Anerkennung. Jetzt und sofort!

Aber nichts. Keine Sterne. 

Also begann ich, zu überlegen, ob ich nicht irgendetwas besitze, was meine Größe, und meine Relevanz, meine Fähigkeiten und meine Verdienste um Vaterland und die Menschheit ausdrückt. Es war nicht einfach, muss ich euch sagen. Denn:

Ich habe weder ein Bundesverdienstkreuz noch einen Ritterorden. Ich habe auch keine Goldmedaille aus Olympia. Ich habe keine Urkunde, die mich als Ehrendoktor einer Universität ausweist. Und ich habe auch keinen Nobelpreis, Oskar, Grammy. Ich habe nichtmal eine goldene Himbeere. Es war zum Verzweifeln! 

Aber, ich wäre nicht ich, wenn ich nicht doch noch etwas gefunden hätte, das imstande war, mir das zu geben, was ich brauchte, um mich aus meinem Tief herauszuholen. 
Ich bin schwimmen gegangen. In meinem alten Badeanzug. Der ist zwar viel zu klein, aber mitten darauf prangt etwas, das ich in unserem kleinen Hallenbad ganz stolz den Rentnern und Kindern präsentierte: Mein Seepferdchenabzeichen. Und dann war alles wieder gut.

*kleine Anmerkung: ich habe diesen Text auf meinem Apfeltelefon verfasst. Als Notiz. Und als er fast fertig war, die gesamte Notiz gelöscht. Glücklicherweise besitzt mein Telefon eine Kategorie namens „zuletzt gelöscht“. Da fand ich ihn wieder. Ihr könnt euch meine Freude nicht vorstellen.

Diesen Verlust hätte nicht einmal mein Seepferdchen wieder wett machen können. 

Strahlende Meinungsfreiheit 

In diesem Jahr jährt sich der Reaktorunfall von Tschernobyl zum 30. Mal. Die Folgen sind bis heute nicht abschließend geklärt. Insbesondere ist nicht klar wie viele Menschen tatsächlich in Folge der Katastrophe ihr Leben verloren haben. Die Behörden in Weißrussland überarbeiten regelmäßig die Liste der verseuchten Ortschaften in der Gegend. Interessante Erkenntnis: sie wird immer kürzer. Cäsium 137 zerfällt dort offenbar schneller als in anderen Teilen der Welt.

Deshalb ein paar Gedanken zur „Gelebten Meinungsfreiheit“, frei nach Erich Fried

Was es ist

Es ist Unsinn

sagt der Experte

Es ist was es ist

sagt der Ignorant

Es war ein Unglück

sagen die Behörden

Ihr verdrängt unseren Schmerz

sagen die Betroffenen

Es ist alternativlos

sagen die Befürworter

Es ist was es ist

sagt der Ignorant

Es ist lächerliche Propaganda

sagen die Medien

Es ist leichtsinnig

sagen die Gegner

Es ist unmöglich

sagt die Atomindustrie

Es ist was es ist

sagt der Ignorant

Stimmvergeudung

Stimmvergeudung

In Bergedorf ist die Welt noch in Ordnung. Rundherum stehen hohe Berge, unten im Tal fließt ein Fluss. Bäume, Häuser, und hin und wieder eine Kuh. Eigentlich ist es ganz gemütlich hier.Auf den Bergen, da leben die Riesen. Was machen denn die Riesen auf den Bergen, mag man da fragen. Groß genug sind sie doch allemal. Wozu dann dieser Größenwahn? Ja. Das mag man fragen. Eine zufriedenstellende Antwort wird man aber in den meisten Fällen nicht bekommen. Groß und groß gesellt sich gern, sagt der eine. Der andere zwinkert, und flüstert hinter vorgehaltener Hand: Das ist natürlich Blödsinn. Groß und Groß steht gar nicht gerne nebeneinander. Deswegen stehen wir ja auf den Bergen. Jeder auf einem. Jeder für sich. Und warum dann ausgerechnet auf den Bergen? Wachstum, Schätzchen. Die Götter haben auch auf dem Olymp gelebt. 

Nun. Götter gibt es hier keine. Aber Herrlichkeit findet man trotzdem allenthalben. 

Werfen wir einen Blick ins Tal. Da unten leben die Zwerge. Sie leben, und arbeiten, und sie tun das, was man halt so tut. Manchmal ist es ganz spannend, da unten. Meistens aber gehen die Dinge einfach nur ihren Gang. 

Aber wehe, wenn die Riesen etwas entdecken! Dann ist aber was los!

Was es auch ist- da muss man jetzt wirklich mal was machen!

Warum hat sich denn keiner vorher mal gemeldet? Verantwortungslos. Also, wenn die Riesen nicht wären.

Gefahr! Gefahr! So schreit es jetzt auf jeden Fall von den Bergen. Die Zwerge im Tal schütteln nur ihre Köpfe. Was sollen sie auch anderes tun? Sie verstehen kein Wort von dem, was da ins Tal schallt, und wenn sie es sich so recht überlegen, kann es dann ja auch nicht so wichtig sein, wenn die Riesen bloß schreien, und nichts anderes tun. Also erstmal abwarten. 

Die Riesen aber, sie schreien. Jeder für sich. Wenn auch keiner antwortet- das Echo tut es. Hauptsache die eigene Stimme schallt durch das Tal. 

Und so schallt von Berg zu Berg ein Ton und noch ein Ton. Das Ganze ist eher dissonant. Aber es geht ja auch nicht um Harmonie. Da darf es schon mal schief klingen. 

Wäre auch alles gar nicht so schlimm. Wenn sich nicht irgendwann ob des Getöses ein Stein lösen würde. Und noch einer. Ein paar kullern schon den Berg herunter. Sie lösen einige weitere Steine. Bald sind es nicht bloß Steine, die ersten Felsbrocken mischen sich darunter. Und ehe man sich versieht, rollt eine Lawine aus Schutt und Stein den Berg hinab. Die Riesen jedoch, die merken nichts davon. Wie denn auch? Sie sind ja mit Schreien beschäftigt. Hören tun sie noch immer nichts, aber ihr Geschrei, das ist formvollendet. Geradezu majestätisch klingt es.

Majestätisch ist auch die Lawine, die donnernd ins Tal rollt. Sie zermalmt Häuser, und stürmt in den Fluss, dass die Wogen nur so schäumen. Wohin, wohin? Die Zwerge fliehen. Sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Eben war doch noch alles ruhig. Und jetzt? Sie rennen und rennen, und über sich hören Sie das Geschrei der Riesen. Natürlich ebenfalls, ohne irgendein Wort zu verstehen. Kann ja auch keiner. Also rennen sie, und irgendwann wird es leiser. Das Geschrei ebbt ab, und auch die Steinflut legt sich.

Nachdem Ruhe eingekehrt ist, und der Staub sich gelegt hat, ist endlich wieder Zeit, die Stimme zu schonen und sich mal ein wenig umzusehen. Warum nochmal haben wir so geschrien? Ach. Genau. Gefahr. Da war doch was. Erstmal nachsehen, was da eigentlich los war. Siehst du was? Ne. Du? Ich weiß nicht. Dahinten hat’s eine Mücke erwischt. Ach, echt? Eine Mücke? Na, da haben wir aber nochmal Glück gehabt. Es hätte ja auch wirklich ein Elefant sein können! 

Respekt in Zeiten der Krise 

Die Bundesregierung hat also die Staatsanwaltschaft ermächtigt, ein Strafverfahren gegen Jan Böhmermann einzuleiten. Und wenn man sich die Diskussion gerade so anschaut, könnte man meinen, dass sie damit die Meinungsfreiheit persönlich ans Messer geliefert habe. 

In der ganzen Debatte vergessen viele offenbar, dass bereits ein Strafantrag wegen Beleidigung nach Paragraph 185 gestellt wurde. Ganz formal. Ohne Erfordernis der Ermächtigung der Bundesregierung. Dieselben Fragen, die sich jetzt auch im Rahmen des nach Paragraph 103 gestellten Antrags stellen, stellen sich auch dort. Lediglich das Strafmaß, das sich im Falle einer Verurteilung ergeben würde, ist unterschiedlich- bis zu einem Jahr bei 185, 3 Monate bis 5 Jahre im Falle des 103. 

Und ja, natürlich wird es dabei auch um den Unterschied der Beleidigung eines „normalen Bürgers“ und eines Präsidenten gehen. Ob diese Unterscheidung (noch) sinnvoll ist, oder ob der Paragraph 103 abgeschafft werden sollte, ist eine andere Frage. 
Fakt ist: die Frage, wie weit die Meinungsfreiheit reicht und reichen darf, die stellt sich allemal. 
Der Hintergedanke ist ganz einfach: wir alle wollen so viel Freiheit wie möglich. Am besten 100%. Wir sind doch nicht hier, um uns etwas verbieten zu lassen- schon gar nicht das Wort! 

Aber ich frage mich, ob all diejenigen, die jetzt so vehement für die Meinungsfreiheit eintreten, auch so freiheitsliebend wären, wenn plötzlich sie es wären, die angegriffen würden. 

Wohl kaum. Dafür spricht schon, dass es 2014 in Deutschland mehr als 225.000 polizeilich erfasster Fälle von Beleidigungen gab. Beleidigt werden und beleidigt sind in Deutschland offenbar mehr Menschen, als es die aktuelle Debatte vermuten lässt. 

Das zeigt wieder mal: die Freiheit des Einen geht nur soweit, wie sie die des Anderen nicht einschränkt.

In freien Gesellschaften muss deshalb immer wieder austariert werden wie weit diese Freiheit gehen darf. Und was wäre eine bessere Basis dafür als ein breiter öffentlich geführter Diskurs? Wenn man es so sieht muss man Böhmermann und Erdogan schon fast dafür danken dass sie das Thema wieder an die Oberfläche geholt haben

Und dennoch scheint die öffentliche Meinung dahin zu tendieren, dass eine Verurteilung Böhmermanns (und sei es auch nur zu einer Geldstrafe) quasi den Untergang der Demokratie, das Nachgeben gegenüber einem Despoten, oder aber zumindest ein Totalversagen der Regierung bedeuten würde.

An welchem Punkt haben wir in dieser hitzigen Diskussion vergessen, dass es primär eben nicht um Flüchtlinge und Deals geht? Wann haben wir vergessen, dass es im Kern um die Frage geht, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben wollen?
Keine Frage: die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Ohne auch manchmal bitterböse Worte ist Demokratie nicht möglich. Kompromiss und kompromittieren haben zwar den gleichen Wortstamm, aber bei einem Kompromiss geht es gerade nicht um Bloßstellung einer Seite, sondern um das Finden der Mitte- und das kann nur geschehen, wenn beide Seiten immer wieder getrieben werden. Und was treibt besser als scharfe Worte? Deshalb: ein Hoch auf die Meinungsfreiheit. Immer wieder. 

Aber: Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der jeder alles, aber wirklich alles sagen darf, was ihm in den Kopf kommt? 

Worte können verletzen. Scheidungskinder können vermutlich ein Lied davon singen, aber auch ohne derartige familiäre Erfahrungen hat vermutlich fast jeder von uns wohl schon einmal etwas gehört, was er lieber nicht hätte hören wollen. 

Der Beleidigungsparagraph zieht seine Existenzberechtigung eben auch aus der Erkenntnis, dass Worte manchmal mehr verletzen können als Waffen.

Worte vermitteln Macht. Das sehen wir jeden Tag in den Medien. Aber die zerstörerische Macht bewusst gesetzter Worte, die vergessen wir manchmal, angesichts von Massenvernichtungswaffen, Atombomben und Rüstungsdeals.
In welcher Gesellschaft wollen wir also leben? In einer Gesellschaft, in der jeder alles sagen kann, und damit die Meinungsfreiheit mehr wert ist, als die Würde des einzelnen, oder in einer Gesellschaft, in der wir uns der Macht unserer Worte bewusst sind? 
Bei der causa Böhmermann geht es deshalb nicht um Frau Merkel. Es geht auch nicht darum, Erdogan zu erziehen, oder ihn zu hofieren. Es geht einzig und allein um die Frage, was wir dürfen, wenn wir zusammenleben und den anderen mit Respekt betrachten wollen. 

Jetzt zu sagen „Aber Erdogan betrachtet uns doch auch nicht mit Respekt“ bringt uns zurück in den kalten Krieg, in eine Zeit, in der keiner imstande war, abzurüsten, aus Angst, der Feind könnte die ausgestreckte Hand nicht als Friedensangebot verstehen, sondern als Öffnung der Defensive, und diese sofort ausnutzen. Ich jedenfalls möchte so etwas nicht erleben. Auf Erdogan zuzugehen um ihm die Rechte einzugestehen, die nach unserer offenen Gesellschaft jedem zustehen, das ist für mich deshalb keine Niederlage der Meinungsfreiheit, oder gar der Demokratie, sondern ein Gewinn für ein respektvolles Zusammenleben. 

Bedeutungsschwere Worte 

Vor kurzem erzählte mir ein Bekannter etwas, das er erlebt hatte. Ich will euch die Geschichte nicht verschweigen. 
„Ich hab gerade eine Szene in der Bahn erlebt. Da steigen drei Jugendliche ein, und die Zugbegleiterin sagt direkt: raus. Ihr habt Hausverbot. Von den Jugendlichen keine Reaktion. An der nächsten Station steigen sie aus. Ihr Schweigen war kein betretenes Schweigen. Sie wussten offenbar genau, was sie taten.“
Welches Bild entwerfen diese Sätze in eurem Kopf? Nehmt euch einen kleinen Moment, um euch die Szene genau vorzustellen. Wer steigt da ein? Wie genau reagiert die Schaffnerin? Was machen wohl die anderen Fahrgäste, die die Szene beobachten? 

Habt ihr das Bild vor Augen? 
Jetzt kommt nämlich die Geschichte, wie ich sie tatsächlich gehört habe. 
„Ich hab gerade eine Szene in der Bahn erlebt. Da steigen drei Jugendliche ein, arabisches Aussehen, und die Zugbegleiterin sagt direkt: raus. Ihr habt Hausverbot. Von den Jugendlichen keine Reaktion. An der nächsten Station steigen sie aus. Ihr Schweigen war kein betretenes Schweigen. Sie wussten offenbar genau, was sie taten.“
Ist da ein Unterschied, in dem, was ihr jetzt vor euch seht? Wie verändert sich das Bild? Welche Gedanken kommen da gerade hoch? Welche Geschichte entsteht jetzt in eurem Kopf? 
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Mir aber schoss eine Frage durch den Kopf:

Welchen Mehrwert bringt das Attribut „arabisches Aussehen“ für die Geschichte? Macht es einen Unterschied, ob die Jugendlichen deutsch, arabisch, chinesisch oder außerirdisch aussehen? (Letzteres wäre vermutlich tatsächlich eine Nachricht wert)
„Ich habe die Jugendlichen nur so beschrieben, wie sie aussahen“, verteidigt sich der Sprecher. 
Seit wann ist arabisches Aussehen eine hinreichende Beschreibung? Wenn ich jemandes Aussehen beschreiben soll, dann nenne ich neben Haarfarbe und Größe sicher noch Kleidung und Accessoires. Kleider machen Leute, sagte man mal. Heute machen Ethnien Vorurteile. 

Schriftsteller nutzen Personenbeschreibungen, um ein möglichst lebendiges Bild ihrer Charaktere zu schaffen: sie sollen vor dem bildlichen Auge erscheinen, mit all ihren Attributen, mit Stärken und Schwächen, Eigenarten und liebenswerten Charakterzügen. Sherlock Holmes hatte immer seine Pfeife dabei. Was sagt uns das? Ein Genießer. Ein Denker. Aber auch einer der höheren Schicht. Jemand, der sich eine Pfeife leisten kann, und nicht bloß preiswerte Glimmstängel. Diese Pfeife trägt dazu bei, Sherlock Holmes in seiner Person als Ganzes besser zu verstehen.

Was aber sagt uns das Attribut „arabisches Aussehen“ über diese Jugendlichen?

Die Jugendlichen können in Deutschland geboren sein, oder vor kurzem hierhin gekommen, sie können hier Urlaub machen oder dauerhaft wohnen. Vielleicht haben sie eine arabische Mutter, oder einen arabischen Vater, oder aber sie sehen einfach nur so aus, wie man sich klassischerweise jemanden vorstellt, der aus dem arabischen Raum kommt- wie auch immer das sein mag- obwohl sie tatsächlich ganz andere Wurzeln haben. Ob sie deutsch sprechen oder nicht- es spielte in der Szene keine Rolle, sie haben die Schaffnerin zumindest verstanden, aber das ergab sich auch schon aus der ersten Variante. Das Attribut trägt also nichts, aber auch rein gar nichts zur Geschichte bei. 

Was will uns der Sprecher also damit sagen? 

„Ausländer.“ 

Und damit wäre die Klischee-Schublade wieder offen. So einfach geht das.