Nach den furchtbaren Anschlägen in Brüssel reagiert die Politik so, wie sie in derartigen Situationen regelmäßig reagiert: Ausrufung der höchsten Terrorwarnstufe, Sicherung der Grenzen, mehr Polizeipräsenz, Streichen von Reiseverbindungen, verstärkte Kontrolle an potentiell höchst gefährdeten Objekten und Orten. Warum?
Natürlich geht es dabei auch darum, gegebenenfalls noch flüchtende Attentäter zu fassen. Aber es geht auch darum, ein Bild der Sicherheit, der Kontrolle zu bieten. Die Gefahr eines terroristischen Aktes gegen das Atomkraftwerk Tihange ist mit den Anschlägen auf den Flughafen und die Metro nicht gestiegen- dennoch evakuieren die Betreiber auf Anordnung der Behörden nicht erforderliche Mitarbeiter. Es ist eine verständliche Reaktion: mit den heutigen Ereignissen ist der Terror wieder präsent in Europa. Er schwelt immer, und es brodelt im Untergrund, aber gelegentlich schwappt die Lava über, und dann brennt es, so wie jetzt. Und wo es brennt, muss man löschen. Nur: wohin führt dieser Aktionismus, der jetzt an den Tag gelegt wird? Mag sein, dass damit tatsächlich noch ein flüchtender Mittäter gefasst wird- aber ganz sicher nicht am Atomkraftwerk Tihange, und auch nicht in Tschechien, wo die Polizeipräsenz in der Prager Metro ebenfalls erhöht wurde. Die behördlichen Aktivitäten vermitteln damit zumindest in Teilen ein Bild, das bei näherem Hinsehen so trügerisch ist wie eine Fata Morgana. Allerdings: Nur weil etwas überflüssig erscheint, ist es noch lange nicht falsch. Die Angst ist verständlich, die Folgen eines Anschlages auf ein Atomkraftwerk nicht auszumalen. Aber bedenklich wird es dann, wenn es den Blick auf andere Handlungsmöglichkeiten verdrängt- nämlich solche, die die Ursachen des Problems bekämpfen. Terrorismus hat viele Gründe. (Ökologische) Ungleichheit, Diskrimierung, Rassismus, auch sogenannte imperialistische Interventionen und die angeblich aggressive Außenpolitik des Westens werden als Ursachen genannt. Unabhängig davon, was man von den einzelnen Gründen halten mag: Wir können diese nicht von heute auf morgen alle beseitigen, und schon gar nicht können wir unsere Geschichte ändern. Aber wir können mehr, als bloß die Symptome zu bekämpfen. Was für ein Bild wollen wir vermitteln? Das Bild Europas, das auf jeden Anschlag mit höheren Bollwerken, mehr Abschottung und stärkerer Kontrolle reagiert- oder das eines Europas, das offensiv gegen eine Welt antritt, in der Terrorismus für viele Menschen eine Möglichkeit zu sein scheint, Probleme zu lösen, oder doch zumindest die Aufmerksamkeit darauf zu richten und die vermeintlichen Verursacher zu verunsichern und ihnen zu schaden?
Bauen wir weniger Mauern. Gerade jetzt, gerade in solchen Zeiten, sollten wir, nein, müssen wir, auf die Menschen zugehen, die sich von uns ausgeschlossen, falsch behandelt oder ausgenutzt fühlen. Diese Menschen (wieder) in die Gesellschaft zu holen, bietet keine Garantie, dass niemals wieder Anschläge passieren werden. Aber das bieten tausende Polizisten und hohe Mauern auch nicht.

edit: Die Mitarbeiter aus dem Atomkraftwerk wurden offenbar vor allem abgezogen, um ein Eindringen von Personen zu verhindern, die sich als normale Angestellte ausgeben, aber Anschläge planen. Auch hier spricht ein hohes Misstrauen aus den Anordnungen. Und gerade deshalb gilt auch in diesem Bereich: öffnen. Nur wen ich kenne, dem kann ich auch vertrauen.

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