Frühstücksdebatte

Am Montagmorgen beim Frühstück ist mir was komisches passiert. Echt jetzt. Ich hatte mich aus dem Bett gequält nach einer echt anstrengenden Nacht, die Kaffemaschine angeworfen, das Brot aus dem Schrank geholt, den Tisch gedeckt. Jetzt sitze ich da, vor einem Becher duftenden Kaffees, und versuche, wach zu werden.

Ich greife zum Brot. Es ist schon etwas älter, aber mit genügend Butter ist auch das noch auszuhalten. Stärkt außerdem die Zähne. Und habe ich nicht vor kurzem gelesen, dass altes, trockenes Brot gut für den Darm, und damit gut für die Gesundheit ist? Also, her damit. 

Schwierig wird’s jetzt beim Belag. Irgendwer hat mal wieder Schinken besorgt. Ewig nicht gehabt. Aber irgendwie ein Klassiker, Stulle mit Butter und gutem altem deutschen Schinken. Ich will also gerade die Packung öffnen, da höre ich Stimmen. Hat da etwa schon wieder jemand sein Fenster aufgelassen, und toben die Nachbarn mal wieder draußen rum? Ich stehe auf und lausche. Ich hab kein Problem mit den Nachbarn, ganz im Gegenteil. Aber es wird kalt, wenn den ganzen Tag die Fenster offen sind, und draußen noch tiefster Winter herrscht. Bevor ich jetzt alle Zimmer kontrolliere, setze ich mich aber erstmal wieder hin. Vermutlich nur Nachwirkungen meiner wirren Träume. Ich greife also wieder zur Schinkenpackung, da höre ich es wieder. Ein leises Flüstern. Es muss ganz nah sein. Das sind nicht die Nachbarn. Ich widerstehe dem kindischen Drang, unter dem Tisch nachzusehen, und schüttele den Kopf. Was ist heute morgen nur los mit mir? Ein drittes Mal greife ich zum Schinken, da vernehme ich ganz deutlich Worte. „War ja klar, dass sie den Schinken nimmt.“ Ich zucke zurück und schaue jetzt ernsthaft unter dem Tisch nach. Aber außer alten Brötchenkrümeln liegt dort nichts. Doch, da hinten in der Ecke, da liegt doch der Einkaufszettel, den ich letzte Woche verloren habe..? Naja. Jetzt ist es eh zu spät. Auf jeden Fall keine zusätzlichen Küchenbewohner. Verwirrt tauche ich wieder auf. Da, wieder! „Das ist einzig und alleine deine Schuld.“ Woher kommt das? Ich halte den Kopf schräg und lausche. „Wenn du nicht soviel negative Aufmerksamkeit auf dich gezogen hättest…“ Langsam reicht’s mir. Wer spielt mir da einen Streich? Das kommt doch vom Küchentisch. Ich scanne das Aufgebot. Da stehen Brotkorb und Teller mit Messer. Meine Kaffeetasse. Daneben liegt die Zeitung, schon etwas zerfleddert von früheren Vögeln als ich es heute bin. Die Packung Schinken liegt neben dem Teller. Direkt daneben die Butterdose. (Blaue Blumenmuster, Erbstück meiner Oma) Weiter hinten stehen ein kleiner Tupperbehälter mit Käse, und ein größerer mit Salami. Daneben ein Glas vegetarischer Brotaufstrich. Den hat mein Mitbewohner vor einiger Zeit mal angeschleppt. „Ab jetzt wird es grün hier!“ Und mit Schwung das Glas auf den Tisch gestellt. Passt nicht ganz- es ist irgendwas mit Paprika und Rucola, deshalb ist es eher rot und nur mit kleinen grünen Flecken durchzogen, aber es schmeckt. Und irgendwie hat er sich deshalb durchgesetzt. Nicht in Massen, aber recht regelmäßig kaufen wir ihn doch wieder ein. Ja. Und dann steht da noch ein Glas Marmelade. Schwarzkirsche. Das war’s. Wer redet da? 

„Der zentrale Punkt ist deine Insulinbilanz. Es hat überhaupt keinen Sinn, da vorbeizureden.“ Kommt das etwa..? „Das ist eine tektonische Verschiebung der Frühstückslandschaft in diesem Haus.“ Ja. Es ist die Marmelade, die da redet. Ich bin baff. Und sie scheint sich uneins mit sich selber zu sein. „Also entschuldige mal. Meine schlechte Insulinbilanz? Ich als Kirsche mag vielleicht so gut schmecken, dass ich mehr anziehe, als gut tut, aber DU bist der zusätzlich zugesetzte Zucker. Tu nicht so, als hättest du nicht auch einen Einfluss darauf, in welchen Wellen die Insulinkurve verläuft!“ Das sitzt offenbar. Erstmal ist Ruhe. Der nächste Satz scheint aus der Richtung des Schinkens zu kommen. „Pech gehabt. Dass ich hier liege ist ja wohl eine klare Absage an eure Insulinpolitik.“ Die Marmelade ist wieder da. „Wir müssen dieses Warnsignal ernst nehmen und unseren eigenen Geschmack stets kritisch hinterfragen. Wir dürfen die Aufnahmefähigkeit des Körpers nicht überstrapazieren.“ Da scheint auch der Aufstrich wach zu werden. „Das Abschneiden des Schinkens ist wirklich bitter! Ihr hättet euch an meine Devise halten sollen: Essen muss nicht Spaß machen, sondern Sinn.“

Dem Aufstrich freien Streich zu geben scheint jedoch nicht im Interesse der Marmelade zu liegen. „Jetzt haben wir ewig zugesehen, wie Aufstrich und Salami das Frühstücksgeschehen beherrschen. Es wird Zeit, dass wir endlich mal wieder auf die Oberfläche kommen. Sonst setzen wir noch Schimmel an! Wir könnten uns zwar auch mit dem vegetarischen Aufstrich zusammentun. Aber meine Begeisterung für eine solche Mischung hält sich in Grenzen, weil dann die Gefahr besteht, dass wir dort in der Kombination mit dem Aufstrich als geschmacksdominierender Variante genauso marginalisiert werden wie aktuell die Salami. Ich gebe jedenfalls keinen einzigen Krümel Brot verloren.“

Plötzlich schaltet sich auch die gerade genannte Salami ein.

„Merkt ihr es denn nicht? Das Abschneiden des Schinkens ist mehr als ein Denkzettel! Wir haben uns immer gut ergänzt. Ihr solltet endlich mal eure Chaostage beenden und die Lösungen aufgreifen, die wir anbieten.“ 

Der Käse ist verdächtig still. Vielleicht ist er froh, dass er bei all den laktoseintoleranten derzeit bei uns überhaupt noch auf den Tisch kommt. 

Dafür meldet sich der Schinken nochmal zu Wort: „Dass ich hier liege, direkt neben dem Teller, zeigt doch, dass ich ein Produkt für den gesamten Haushalt bin. Die wollen eben endlich einen Geschmackswechsel.“

Ich schalte meine Ohren auf Durchzug. Ob ich wirklich einen Geschmackswechsel will, dessen bin ich mir gar nicht so sicher. Wenn ich so recht darüber nachdenke: das Salz des Schinkens verursacht mir bestimmt Bluthochdruck. Nur vegetarischen Aufstrich? Das ist mir dann doch zu viel Grünzeug. Und ob Marmelade und Salami gut zusammenpassen, das bezweifle ich auch stark. 

Ich stehe auf und verlasse den Frühstückstisch. Mir ist schlecht. 

Zitate sind teilweise an den Frühstückskontext angepasst:

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-03/wahlen-landtag-cdu-spd-politik
http://www.merkur.de/politik/landtagswahl-2016-ergebnisse-baden-wuerttemberg-live-ticker-montag-zr-6207798.html
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-03/landtagswahl-angela-merkels-fluchtlingspolitik-reaktionen-ursula-von-der-leyen
https://www.berlinonline.de/aktuell/4336018-4015970-landtagswahlen-2016-cdu-spd-mit-wahlkate.html
http://mobil.stern.de/politik/deutschland/afd–frauke-petry-sieht-partei-auf-weg-zur-regierungsfaehigkeit—reaktionen-auf-wahlen-6745586.html
http://www.merkur.de/politik/landtagswahl-baden-wuerttemberg-2016-ergebnisse-reaktionen-zr-6206580.html
ebenfalls verarbeitet habe ich die Aussage eine CDU Politikers, der darauf hinwies, die CSU solle, wenn sie schon die Flüchtlingspolitik „der Regierung“ kritisiere, nicht vergessen, dass sie ebenfalls Teil dieser Regierung ist- leider habe ich vergessen, wer dies war. Falls mir da jemand helfen kann..?

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