Flüchtende

Ich lese gerne Zeitung. Nicht immer der Qualität wegen, aber das ist ein anderes Thema. Unabhängig vom journalistischen Niveau mag ich sie dafür, dass sie es immer wieder schafft, mich zum Nachdenken anzuregen. Zum Beispiel letzte Woche. Da war nämlich dort zu lesen: „Flüchtender entkommt der Polizei.“ 

Da war was los in meinem Kopf, kann ich euch sagen. Szenen bei Nacht, in völliger Dunkelheit. Schnelle Schritte auf hartem Asphalt. Ein Mann ohne Pass. Eine fremde Stadt. Kulturen und Rechtssysteme, die aufeinander prallen. Vorurteile, Klischees, „ich hab es doch immer gesagt“- ein Aushängeschild für all die, die gerade keine Aushängeschilder sind. 

Nachdem mein Gehirn mir dann endlich genügend mehr oder weniger plausible Geschichten zusammengesponnen hatte (ein Dank an die Phantasie!) hatte ich auch endlich die Chance, besagten Artikel zu lesen. 

… Bankräuber… Nach Überfall auf der Flucht… Polizei erbittet Hinweise. Wie panisch scannten meine Augen den Text auf Schlagworte. Syrien? Asylbewerber? Notunterkunft? Nichts. Wenigstens das Wort fremd? Auch nicht. 

Aufmerksame Leser werden vermutlich längst verstanden haben, wozu ich nicht imstande war: der Flüchtende war ein Flüchtender. Vor der Polizei. Hier in Deutschland. Ob er Deutscher war, oder Syrer, oder Afghane, spielte überhaupt keine Rolle. Denn er war nicht das, was man noch vor wenigen Tagen als Flüchtling bezeichnet hatte. Dieser Mann floh, weil er gegen das Gesetz verstoßen hatte, nicht, weil er verstoßen wurde. Er floh, weil ihm das Gefängnis drohte, nicht der Tod. 

Beide Arten Flüchtender eint jedoch eins: sie fliehen, weil sie um ihre Freiheit fürchten. Und bei beiden ist die Furcht auf ihre Art begründet.

Einem der beiden gestehen wir einen fairen Prozess zu. Warum nicht auch dem anderen?

Mehr dazu, warum man Flüchtlinge nicht mehr Flüchtlinge nennen sollte, findet sich unter http://www.sprachlog.de/2012/12/01/fluechtlinge-und-gefluechtete/

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