Am letzten Samstag war ich mal wieder im Schwimmbad. Es ist meist recht voll am Nachmittag, gerade, wenn das Wetter nicht besonders gut ist. Aber an diesem Nachmittag war das Wasser besonders aufgewühlt angesichts der vielen Menschen im Wasser. Neben dem üblichen Publikum (Rentner, Studenten, Familien mit Kindern, die sich teilweise im Nichtschwimmerbecken bewegen, aber auch schon erste Schwimmübungen mit ihren Sprösslingen im tieferen Wasser wagen) war eine größere Gruppe männlicher Jugendlicher anwesend. Während ich so meine Bahnen zog, nahm ich sie zunächst nicht besonders war, sondern konzentrierte mich auf mich, das Wasser, und die Ruhe nach der anstrengenden Woche. Angenehm kühl war das blaue Nass, und ich genoss die Schwimmbewegungen nachdem ich so viel gesessen hatte. Aber wirklich Ruhe wollte sich nicht einstellen. Die Gruppe junger Männer dominierte ganz offensichtlich das Bild. Sie riefen sich etwas zu, spritzten mit Wasser, paddelten, sprangen vom Beckenrand, klammerten sich an das Sprungbrett. Ich richtete meine Wahrnehmung auf die anderen Schwimmer. Diejenigen, die schnell schwimmen wollten, hatten sich auf die andere Seite des Beckens verzogen, wo mehrere Bahnen mit einem Seil für Sportschwimmer abgetrennt waren. Die lernwilligen Kinder hielten sich im flacheren Wasser auf, andere Schwimmer versuchten sich einen Weg zu bahnen. Eine Schwimmerin fiel mir besonders auf. Mittleren Alters, aufwendig frisierte Haare, die offenbar auf keinen Fall nass werden, aber auch nicht unter einer Schwimmkappe verschwinden durften, für einen Hallenbadbesuch recht intensiv geschminkte Augen. Ich schäme mich ob dieser Einordnung, aber sehe mich auch als menschlich: die Schublade „wohlsituierte, anspruchsvolle Deutsche“ ging auf, und schon steckte sie mittendrin. Zu dieser Schublade gehören bestimmte Attribute und Verhaltensweisen, die ich von den darin einsortierten Menschen erwarte. Dazu gehört: „Hat ein Problem mit herumspritzenden, lärmenden Jugendlichen, insbesondere, wenn diese nicht ursprünglich deutscher Herkunft sind.“ Denn erst jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: ausnahmslos waren alle jungen Männer von dunklerer Hautfarbe, als es der klassisch deutsche Typ ist. Nachdem ich mir dessen bewusst geworden war, hörte ich bei ihren Gesprächen genauer hin, und vernahm vieles- aber ganz sicher kein Deutsch. Ich muss die Gruppe wohl länger angestarrt haben, denn plötzlich sprach mich einer von ihnen an. „Hallo.“ Es klang etwas ungewöhnlich, aber es war gut verständlich. Ich lächelte ihn an, etwas unsicher, was ich sagen könnte. Ich versuchte es erstmal mit Englisch. „Do you speak english?“ Aber er schüttelte den Kopf und entgegnete: „Ich spreche etwas Deutsch.“ Er kam aus Afghanistan und war bereits seit 4 Monaten hier. Er fragte mich, nach den Wörtern für Brustschwimmen, und Kraulen. „Kraulen“, wiederholte er dann langsam und gedehnt, so als ob in diesem Wort so viel mehr stecken würde, als nur die Bezeichnung einer Schwimmtechnik. Ich fragte ihn, ob es ihm gefallen würde, hier. Ich kann gar nicht sagen, ob ich das Hallenbad meinte, oder Deutschland. Und was er verstanden hat. Aber angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der er „Ja“ sagte, war es vermutlich auch egal.

Wir sprachen noch etwas, und dann verabschiedete ich mich, um noch etwas zu schwimmen. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich dabei eine Szene am anderen Ende des Beckens. Die Schwimmerin, die mir zuvor aufgefallen war, stand im flachen Wasser, neben einem der jungen Männer, und zeigte ihm die Schwimmbewegungen beim Brustschwimmen. Er paddelte, sank etwas unter die Oberfläche, tauchte prustend wieder auf und schnappte nach Luft. Sie lachte lauthals, er mit ihr, und dann wiederholte sie, was sie ihm zuvor gezeigt hatte. Was ich angesichts dieser Unterrichtsstunde empfand, ist nicht einfach zu sagen. Da war Freude, und irgendwie eine Form von Rührung, wie sie da neben ihm stand, und Froschbewegungen mit den Beinen vormachte, ganz genauso, wie der Vater es ein paar Meter weiter seiner Tochter, die noch in Schwimmflügeln steckte, erklärte. Aber da war noch mehr. Scham. Ich schämte mich. Schämte mich dafür, dass ich die Dame in eine Schublade gesteckt hatte, einfach nur anhand ihres Aussehens. Schämte mich dafür, dass ich ein fertiges Bild im Kopf gehabt hatte, ohne auch nur eine weitere Sekunde darüber nachzudenken, dass es auch ganz anders aussehen könnte. Schämte mich dafür, dass ich ihr gegenüber genauso vorurteilsbehaftet und stereotypisierend gewesen war, wie ich es von ihr in Bezug auf die jungen Männer vermutet hatte.

Als ich an den beiden verbeischwamm, grinste der junge Mann mir zu, und deutete ein Kopfnicken an in Richtung des tieferen Wassers. Er wollte offenbar versuchen, ein Stück mit mir zu schwimmen. Ich glaube, ich habe zurückgegrinst, und ihm zugenickt. Gemeinsam paddelten wir ein Stück, er tauchte immer wieder unter. „Langsam, langsam.“, versuchte ich ihn zu ruhigeren, kontrollierten Schwimmzügen anzuleiten. Nach ein paar Metern gab er auf, und grinste noch einmal. Er paddelte zurück ins flachere Wasser, und ich schwamm noch ein paar Runden für mich alleine, deutlich nachdenklicher als üblicherweise an meinen freien Samstagnachmittagen.

Die Jungen waren allesamt Flüchtlinge. Irgendwer hatte dafür gesorgt, dass sie diesen Nachmittag im Schwimmbad verbringen durften, hatte ihnen vielleicht zu Schwimmkleidung verholfen, sie hereingelassen, und ihnen gezeigt, wo die Umkleiden und das Becken zu finden waren. Aber schwimmen- das mussten sie schon selber.

Als ich nach einer Stunde aus dem Becken stieg, paddelte der junge Mann weiter im flachen Wasser herum, grinste noch einmal, und deutete Schwimmbewegungen in Richtung des tiefen Wassers an. Ich wünsche ihm sehr, dass er dort ankommen wird.

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15 Gedanken zu “Freischwimmer

  1. Ich habe gerade beim Lesen eine Gänsehaut bekommen. Das passiert mir sehr selten. Wenn nur mehr Menschen den Mut aufbrächten, die vermeintliche Distanz zu „denen da“ zu überwinden, hätten wir vielleicht andere Wahlergebnisse in Europa.
    Vielen Dank für diesen Artikel.

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  2. Vielleicht hat sich die Dame von deinem Verhalten inspirieren lassen und konnte deshalb wieder aus der Schublade klettern. Vielleicht hat sie auch ähnliches von dir gedacht und so ist es doch schön, was aus euren Schubladendenken entstanden ist. 😉
    Bei uns gehen die Flüchtlinge auch Schwimmen. Die meisten haben ja außer Deutschkurs nicht viel zu tun, und das ist doch wenigstens Abwechslung.

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  3. Bin über den Blog von Schnipseltippse auf den Text aufmerksam geworden. Er ist einfach ganz wunderbar! Schnipseltippse: Danke für den Reblog. Wortwerkzeug: Danke für einen so tollen Text!

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  4. In vielerlei Hinsicht bewegend… Ähnliches habe ich in anderen Situationen erlebt. Das geht wohl nur, wenn man der Welt mit offenen Augen und offenem Herzen begegnet.
    Ich bin dank der Schnipseltipse hier gelandet, und danke ihr dafür!

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  5. Schubladendenken passiert uns allen, wenn wir ehrlich sind. Das ist auch ganz natürlich, weil wir im Leben Erfahrungen sammeln und auswerten. Wichtig ist, dass man es sich bewusst macht und dann ehrlich damit umgeht. Ich ging mal einen Flur entlang, in der Mitte eine Glastür. Auf der anderen Seite kam ein junger Mann entgegen (Prototyp des frechen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, dem man auf keinen Fall abends um 22 Uhr auf dem Bürgersteig treffen mag). Noch während ich überlegte, wie ich an ihm vorbei komme, hielt er mir die Glastür auf und bat mich sehr freundlich mit einem schönen Lächeln hindurch. Was habe ich mich selber danach für meine Voreingenommenheit verteufelt und geschämt. Und das schlimme ist – ich habe noch nie schlechte Erfahrungen mit eben jenem Prototyp gemacht, trotz dessen ich jeden Tag welchen begegne.

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    1. Vorurteile sind ja auch stark gesellschaftlich geprägt. Es ist schon der erste, wichtige Schritt, zu erkennen, dass es eben nur VORurteile sind. Selbst wenn man manchmal nicht verhindern kann, dass sie unterbewusst zunächst da sind, ist es doch gut, wenn man sie dann ganz bewusst auch wieder ziehen lassen kann. Ein schönes Beispiel(:

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  6. Ein sehr guter Text.
    Ich ertappe mich selbst auch immer wieder bei eigenen „Vorurteilen“. Vorgestern dachte ich dann mal über dieses Wort nach. Es passt nicht. Denn ein Urteil ist final, ja abschließend. Meine völlig ungeprüften Gedanken sind das nicht. Sie sind stattdessen Vorannahmen – mangels besseren Wissens – und ganz schnell revidierbar.
    Und im beschriebenen Beispiel ist genau das ja auch passiert. Wenn die Vorannahmen sich von der Realität prüfen lassen, sind sie ganz schnell zerplatzt – wie Seifenblasen …..

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