Es ist Sonntagmorgen. Auf dem Tennisplatz ist der übliche Rummel. Alle Courts sind belegt. Martin und ich sind früh da gewesen, sodass wir ohne Probleme einen Platz ergattern konnten. Seit einer Stunde nun spielen wir uns gegenseitig die Bälle zu. Ein harter Ball von ihm, ein schneller Konter meinerseits. Er jagt mich über den Platz, und der Schweiß perlt von meiner Stirn. Längst habe ich keinen Atem mehr, um noch nebenbei zu reden- über Bücher, Musik, Reisen, all das, was einem so in den Sinn kommt. Ich habe auch keine Konzentrationsfähigkeit mehr, um auf irgendetwas anderes zu achten, als den gelben Ball, der immer wieder über das weiße Netz fliegt, und den Mann im kurzen, blau-weißen Tennisoutfit auf der anderen Seite, der mich immer wieder von links nach rechts scheucht. Martin spielt hervorragend. Er war es, der mich fragte, ob ich mitwollte, zum Tennis. „Nur mal ausprobieren. Du magst doch Sport.“ Das ist jetzt 6 Jahre her. Seitdem treffen wir uns jeden zweiten Sonntag, und spielen. Und danach sitzen wir zusammen, trinken Wasser (ich) oder alkoholfreies Bier (er) und reden. Über alles mögliche. Filme. Musik. Theater. Reisen. Kochen. Politik. Aber vor Allem über Tennis. Denn Martin ist gut, und er liebt das Spiel. Wenn er über den Platz tänzelt, dann erinnert er mich manchmal an einen Pinguin im Wasser, oder einen Vogel in der Luft- er ist vollkommen in seinem Element, er strahlt, und bewegt sich mit einer Leichtigkeit, die so gar nicht zu der Anstrengung zu passen scheint, die auch ihn das Spiel abfordert. Ich dagegen komme mir vor wie Pinguin und Vogel auf Land. Ich tapse, stolpere, hüpfe unbeholfen, drehe mich im Kreis und falle über meine eigenen Füße. Die Anstrengung des Spiel ist bei mir überdeutlich zu erkennen. Also frage ich. Frage, was er macht, um so zu spielen. Wie er de Schläger hält. Wie er die Füße setzt. Wie er ausholt mit dem Arm, und mit den Augen dem Ball folgt. Ich suche nach seiner Leichtigkeit in meinem Spiel, und dafür stelle ich Frage über Frage, und Nicht so heute. Ich lege meinen Schläger auf die Bank, und stelle meine Tasche daneben. Beobachte die anderen Spieler, die fliegenden Bälle, den rotbraunen Boden und die grünen Netze an der Seite. Denke plötzlich an die grünen Wiesen, auf denen ich früher joggen war, und an den brauen Waldboden, und die fliegenden Blätter im Herbst. 

Und zum ersten Mal frage ich nicht, wie ich meine Außenhand verbessern kann, oder schneller kontern kann. Nein. Ich sitze in der Sonne, blende all den Lärm aus und frage mich: Was mache ich eigentlich hier? 
Ich habe in den letzten Tagen „Thinking, Fast and Slow“ von Daniel Kahnemann gelesen. Wenn ein Buch in der Lage ist, dass eigene Denken über das eigene Denken zu revolutionieren, dann dieses. Wie komme ich jetzt darauf? Kahnemann beschreibt folgendes in seinem Buch: Menschen neigen dazu, unterbewusst schwierige Fragen durch leichte zu ersetzen und diese ersatzweise zu beantworten. Ein Beispiel dafür ist folgendes: Wie wahrscheinlich ist es, dass Hilary Clinton Präsidentin der USA wird? 

Anstatt uns mit langwierigen Analysen über derzeitige politische Trends, Konkurrenten, die aktuelle Wirtschaftslage und vielen anderen Faktoren zu beschäftigen, die potentiell in der Lage sind, das Ergebnis zu beeinflussen, kommen wir regelmäßig, selbst wenn wir, auch gerade dann, wenn wir keine Politikexperten sind, recht schnell zu einem Ergebnis. Ob „sehr wahrscheinlich“ oder „wenig wahrscheinlich“ die Antwort ist- die Frage, die wir beantwortet haben, war folgende: „Wie sehr wirkt Hilary Clinton wie eine politische Gewinnerin?“

Letztere Frage ist stark emotional geprägt, abhängig von dem Gefühl, dass uns Ihre Auftritte vermitteln, während die ursprüngliche, Ausgangsfrage, ein langwieriges, umfangreiches abwägen einer Vielzahl von Faktoren erfordert (und selbst dann noch bloß zu einer wenig sicheren Antwort führt). Was ist passiert? Wir haben die erste Frage ersetzt durch eine, die leichter, schneller und zufriedenstellender zu beantworten ist. 
Etwas ähnliches findet sich in der heutigen Politik wieder. Auch dort werden entscheidende Fragen allzu oft durch vermeintlich leichtere ersetzt- der große Unterschied liegt allerdings darin dass die schwierigen Fragen heutzutage gar nicht erst gestellt werden. 

Konkret sieht das derzeit so aus: 

„Wieviele Flüchtlinge können wir noch aufnehmen?“ 

„Wie hoch muss der Mindestlohn sein?“

„Wie viel Geld geben wir Griechenland noch?“

„Wie gestalten wir das Freihandelsabkommen mit den USA?“

Fragen die, zugegeben, nicht ganz so leicht zu beantworten sind- aber auf die dennoch Antworten gefunden werden. Man wird rechnen, und debattieren, und Menschen befragen und sich Orte und Abläufe ansehen. Und dann wird man Antworten geben. 
Die Frage ist allerdings, ob es diese Antworten sind, die uns weiterbringen. 
In Wahrheit stecken hinter diesen Fragen nämlich ganz andere: 

„In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?“

„Wie Deutsch sind wir Deutsche eigentlich noch- und sind wir jemals Deutsch gewesen? Was bedeutet diese Antwort für unser Selbstverständnis?“

„Was wollen wir machen? Was macht uns glücklich? Warum macht zu viel Arbeit unglücklich- keine aber auch- und was kann man dagegen tun?“

„Ist der Kapitalismus noch die richtige Antwort, wenn es darum geht, eine System zu finden, das das Überleben der gesamten Menschheit auch in der Zukunft sichert?“

„Wie viel ist uns unsere Freiheit eigentlich noch wert?“
Was ist hier passiert? Wir trauen uns nicht mehr, die zentralen Fragen der Menschheit zu stellen. Die großen, schwierigen (als „philosophisch“ abgestempelten) Fragen sind nicht Teil des aktuellen politischen Geschehens. Stattdessen werden sie (un)bewusst vermieden und ersetzt durch Fragen, die scheinbar leichter zu beantworten sind. Aber genau da liegt die Schwachstelle: scheinbar. 
Natürlich ist es einfacher zu entscheiden, dass noch 100.000 Flüchtlinge aufgenommen werden, und nicht mehr, weil dann die Kapazitäten der Aufnahmelager erschöpft sind, die (freiwilligen) Helfer nicht mehr ausreichen, die Gelder fehlen. Aber: ist diese Antwort tatsächlich die Richtige?
Natürlich haben wir die gestellte Frage (wie viele Flüchtlinge nehmen wir noch auf?) damit beantwortet. Aber haben wir auch die richtige Frage gestellt? 

Natürlich kann keiner garantieren, dass alleine durch die richtige Frage auch die richtigen Antworten gefunden werden. 

Aber: seien wir doch ehrlich. Hinter all dem steckt mehr. Es geht längst nicht mehr darum, ob noch zehntausend Menschen mehr aus Syrien und dem Irak und anderen Ländern zu uns kommen. Und eigentlich ging es auch nie wirklich darum. Keine Frage: auch dieses Problem muss geklärt werden, diese Menschen müssen untergebracht, versorgt und integriert werden. Aber was wir uns wirklich fragen müssen ist doch: In was für einer Welt, und in was für einer Gesellschaft, wollen wir leben? Wie wollen wir sein? 

Angela Merkel hat das Thema zumindest angerissen, und deutlich gemacht, wie sie nicht sein will: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Aber die Frage in den Raum zu werfen, wie das Land denn sein soll, aus ihrer Sicht, aus der Sicht der Regierenden und der Regierten, das hat sie sich nicht getraut. 
Trauen wir uns nicht mehr, diese wirklich relevanten Fragen zu stellen, weil sie schon so oft gestellt wurden und all die weisen Menschen keine Antwort gefunden haben? Weil die Gegenwart uns so sehr fordert, dass wir keine Zeit und Muße mehr haben, um einen Schritt zurück zu treten und das Gesamtgebilde aus einiger Entfernung zu betrachten? Weil wir zu bequem geworden sind? Weil es leichter ist, die alten Bewegungen zu verbessern als völlig neue einzustudieren? Und weil es leichter ist, auf den zugespielten Ball zu reagieren, anstatt sich zu überlegen, ob das Spielfeld überhaupt dasjenige ist, auf dem wir spielen wollen? 
Martin und ich treffen uns mittlerweile jeden Sonntag, nach seiner Tenniseinheit, in einem Café, ganz um die Ecke. Dort reden wir, über alles mögliche. Filme. Musik. Theater. Reisen. Kochen. Politik. Nur über Tennis reden wir nicht mehr. Ich gehe jetzt joggen, jeden Sonntagmorgen.

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