Angst vor Überflutung 

Die Deutschen haben Angst. Man sieht es daran, was in Clausnitz passiert ist, und in Dresden, und auch bei den Umfragen für die anstehenden Landtagswahlen. Aber man sieht es auch in den kleinen Sachen- in den Blicken der Menschen, wenn sie jemandem mit Kopftuch begegnen. Daran, dass Menschen ihre Tasche auf den Schoß nehmen, wenn jemand mit dunklerer Haut in den Bus steigt. Dass Sätze mit „ich habe ja nichts gegen diese Menschen, aber…“ beginnen. Was passiert, wenn ein Volk Angst hat? Sei sie begründet oder unbegründet: Seine Regierung wird alle Hebel in Bewegung setzen, um dieser Angst etwas entgegensetzen zu können. Um die eigene Bevölkerung zu beruhigen, und falls nötig, vor Gefahren zu bewahren. 

Was heißt das in der aktuellen Debatte? Was heißt das für Deutschland? Es heißt, dass führende Politiker darüber diskutieren, wie viele Flüchtlinge man noch aufnehmen können. Und wolle. Ab wann Schluss sei mit den offenen Grenzen, und ab wann aus Frau Merkels „wir schaffen das“ ein „es reicht jetzt“ wird. Kurz gesagt: man diskutiert über Obergrenzen. Aber: Obergrenzen können nicht funktionieren. Das sieht man schon daran, dass keine Einigung darüber zu erzielen ist, welche Anzahl man noch zulassen würde, und wann Schluss sein soll- derzeit schwankt die deutsche Führungsriege zwischen 200.000 und 400.000 weiteren Flüchtlingen. Man sieht es aber auch daran, dass man allerwegen davon spricht, dass man Obergrenzen einführen möchte, aber nirgendwo ernsthaft darüber geredet wird, wie man diese Obergrenzen durchsetzen möchte. Auf Flüchtlinge schießen? Außer Frauke Petry kann das in Deutschland niemand ernsthaft vertreten (und Frauke Petry kann niemand ernsthaft glauben). Eine Mauer bauen? Abgesehen davon, dass dies aufgrund der deutschen Geschichte ein bezeichnendes Licht auf die deutsche Politik werden würde- wer glaubt denn tatsächlich, dass das funktioniert? Wer glaubt, dass die Flüchtlinge dann alle brav vor der Mauer stehen bleiben- oder aber, falls Sie dies tatsächlich tun sollten, unsere Nachbarstaaten sehr erpicht über diese Form der Flüchtlingspolitik wären?

Also darauf hoffen, dass alle überzähligen Flüchtlinge in der Türkei und Griechenland aufgenommen werden? Dass ein europäischer Verteilungsschlüssel beschlossen, und dann auch wirklich umgesetzt wird? Wie wahrscheinlich das ist, zeigt sich gerade in den Diskussionen der höchsten europäischen Kreise.  
Eigentlich geht es nämlich auch um etwas völlig anderes. Selbst wenn man es tatsächlich schaffte, dem Strom der Flüchtlinge zu begrenzen- es ist zu spät, um die Augen davor zu verschließen, dass bereits rund eine Million Menschen aus anderen Ländern da sind. Hier. Mitten in Deutschland. Teilweise abgeschottet, in menschenleere Gegenden abgeschoben, teilweise präsent, mitten in der Stadt, in der U-Bahn, beim einkaufen, auf dem Spielplatz. Sie sind da. Und der Angst der Deutschen vor dieser Veränderung mit Obergrenzen zu begegnen ist in etwa so, als wenn man jemandem, dessen Keller gerade nach einem Jahrhundertregen vollgelaufen ist, sagt: „Naja, wir verteilen ja ab jetzt auch Regenschirme.“ 

Ehrlich wäre es, zuzugeben, dass man die Aufgabe überschätzt hat. Dass noch mehr kommen werden. Und dass es nicht leicht werden wird. Und sich dann daran zu erinnern, dass bei allen Jahrhundertregenereignissen es nicht das Lamentieren über die Wassermenge, sondern das Zusammenspiel der Menschen vor Ort mit der großflächige Hilfe der Politik das war, das etwas bewirkt hat. Warum nicht auch jetzt?

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