Der Türkenkönig

Wer schimpft da wieder bei Angela?

Es ist der Erdogan, ist ja klar.  

Er fühlt sich etwas runtergemacht,

weil man es wagt und über ihn lacht.

Erdogan, warum so ernst dein Gesicht? 

Hörst Angela du das Lachen nicht? 

Das Lachen über meine Person,

Es klingt für mich nach Spott und Hohn

Extra 3 ist ein kreativer Ort 

Gar schöne Witze machen Sie dort

Manch einer hat nen wahren Kern

Ich weiß- das hörst du gar nicht gern.

Mensch Angi, aber verstehst du denn nicht? 

Dass dies die ew’gen regeln bricht: 

„Das Volk mach dir zu Untertan“

Dies‘ Video stört meinen Plan!

Ich wollte doch in die EU 

Dann hätte ich auch meine Ruh

Denn wär ich erstmal bei euch drin

Wär auch das gute Benehmen hin

Mein Erdi, mein Erdi, was hör ich denn da, 

Was du da drohst, ist doch nicht wahr? 

Mensch Angi, wie naiv ihr seid 

Ich bin das Hofieren schon lange leid 

Ich will mein Recht, und zwar bald!

Und seid ihr nicht willig, so brauch ich Gewalt!

Bei mir geht es immer nur um die Macht

Extra drei hat’s auf den Punkt gebracht.

Erdogan grauset’s, er rechnet geschwind 

Wie hoch die Chancen einer Klageschrift sind 

Erfährt das Ergebnis, er ringt voller Not 

Die Pressefreiheit, sie ist nicht tot. 

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Freie Sicht

Ich muss einkaufen gehen. Nein, ich habe keinen Hunger. Mich plagt ein viel größeres Problem. Am besten fange ich aber von vorne an:

Ich habe mir vor einiger Zeit den Luxus eines Hauses am See gegönnt. Ja, so richtig klassisch. Haus am See. Wasser. Wellen. Traumhafter Blick. Und um den auch wirklich nutzen zu können, habe ich den Architekten gebeten, Fenster einzubauen. Viele Fenster. Große, riesige Fenster. Dahinter stehe ich jetzt regelmäßig, und genieße den Blick nach draußen. Schön ist es da. Und nichts versperrt mir die Sicht. Gar nichts. Super ist das. 

So wie mir geht es auch anderen. Am See stehen noch weitere Häuser. Wir alle sind eine eingeschworene Häuser-mit-Seeblick-Gemeinschaft. Nie wieder etwas anderes! Ich dachte echt, so geht’s ewig weiter. 

Ja. Und dann hat sich einer unserer Nachbarn einen Fauxpas geleistet. Er hat in seinem Haus wohl immer Cocktails gemixt. Also, keine Sahne-Alkohol-Gemische, sondern explosive. So richtig fiese. Schlimm genug. Aber jetzt kommt’s. Da hat sich jemand doch tatsächlich ein Fernglas gekauft. Ein Fernglas. Ernsthaft. Könnt ihr euch das vorstellen? Und damit sitzt er jetzt den ganzen Tag auf einem Hügel auf der anderen Seeseite und beobachtet meinen Nachbarn, um gegebenenfalls eingreifen zu können. Ist ja alles schön und gut. Der soll ja auch nicht immer so einen Blödsinn machen. Aber: habt ihr euch mal überlegt, was der Typ mit dem Fernglas auch machen kann? Ja. Genau. Mit einem ganz leichten Schwenk nach links hat der nicht mehr meinen Nachbarn im Blick, sondern, ihr ahnt es schon: mich. 
Deshalb muss ich jetzt ganz dringend Gardinen kaufen. Dicke. Braune. Richtig blickdicht. Dann kann ich zwar nicht mehr rausschauen. Aber dann kann auch keiner mit seinem blöden Fernglas in meine Räume reinschauen. Nicht auszudenken, wenn mich jemand in meinem rosafarbenen Teddyschlafanzug sehen würde.

Osterfreuden

Osterfreuden

Ostern! Endlich geht es raus
Die Hasen rasch ans Werk
Damit die große Kinderschar
Von Menschenhand nichts merk

Den ganzen dunklen Winter lang
Die Nachbarn kaum gesehen
Zum Halten der Beziehungen
Darf kein Malheur geschehen

Drum, sind die Eier erst im Garten:
Vorsicht mit dem Nachbarshund!
Sonst hat, was nicht sofort gefunden
Der Vierbeiner im Mund.

Cognac, Brandy und Likör
Da kriegt man was geboten
Den Hund jedoch, den haut’s damit
Echt von seinem Pfoten.

Der Nachbarsmann ist gleich empört:
Der Waldi soll jetzt leiden?!
Damit ihr Ostern feiern könnt,
Wie gottlos seid ihr Heiden!

Also weiter mit Geschrei:
„Ich hab’s!“- dass ich nicht lache!
Es ist zu weich, das Osterei-
Es war des Hundes Rache.

Oder es ergeht uns heut
Wie Eichhörnchen so oft,
Das nach verstecken seiner Beut
Zu finden nur noch hofft.

Da liegt es dann, das blaue Ei
Man denkt, man hat sie all.
Und Wochen später hört man dann
Nur einen lauten Knall.

Die Nachbarsfrau die hat’s erwischt:
Der Schwefel ist’s gewesen!
Ein faules Ei, das riecht nicht schön,
Das riecht ziemlich verwesen.

Da zetert sie, nachdem sie dann
Bewusstsein wieder findet,
Dass dieser olle Osterbrauch
Doch wirklich schnell verschwindet!

Ostern ist doch wunderbar
Ich kann es kaum erwarten
Doch für den Schutz der Nachbarschaft
Gibts bei uns Hasenbraten.

Wollen und sollen 

Wollen und sollen 

Ich weiß nicht, was ich wollen soll,

Und weiß nicht, was ich will 

Und wenn ich mal was wollen soll

Dann bin ich plötzlich still. 

Ich will nicht, was ich wollen soll, 

Trau dem nicht, was ich will. 

Doch wollen was ich wollen soll

Klingt für mich nur nach Drill.

Und wenn ich mal was wollen will, 

dann traue ich mich nicht, 

denn verlieren was ich schaffen will, 

darauf bin ich nicht erpicht. 
Und sagt man mir: „Das machst du gut.“ 

Hab ich die Nase voll,

Und mag nicht mehr, was ich zuvor

Bezeichnet hab als toll.
Ich wäre gern ein Superheld,

Und träum von Ruhm und Ehr,

Doch gibt man mir den Lorbeerzweig,

Will ich all das nicht mehr. 
Ich mach es so wie’s mir gefällt

Und will dafür Respekt.

Doch hat die wirklich harte Nuss 

Noch niemandem geschmeckt.
Und mache ich’s dann wie der Rest,

Dann bin ich das wohl auch.

Dann schaut man nur durch mich hindurch,

Bleib übrig, nicht gebraucht.
Will anders sein, als sie es sind,

Bin deshalb total gleich.

Bin Zar und Bettler gleichermaß‘

Doch nur in meinem Reich.
Ich hör nur, was ich wollen soll

Und weiß mir keinen Rat.

Und will doch nur dies eine Ding:

Zu dürfen, was ich mag.

Optimal beraten

Ich werd den Gedanken nicht los. Seit Tagen. Immer wieder taucht er in meinem Kopf auf. Egal wie oft ich ihn wegschiebe, auf Wolken setze, mit Zügen wegfahren lasse- er kommt wieder, mit Sicherheit. „Und wenn du nicht doch…?“ Nein! Ich will nicht. „Aber überleg doch mal…“ Ich will aber nicht. Echt nicht. 

Was ich nicht will? Mich optimieren. Ich mag mich so, wie ich bin. Ich finde mich echt ganz in Ordnung. Und damit bin ich auch bislang ganz gut durchs Leben gekommen. Aber auf einmal steht da ein Männchen auf meiner Schulter, und sagt: „Du kannst nicht einfach so weitermachen. Du musst endlich deinen Marktwert optimieren!“ 

Meinen Marktwert. So sieht das nämlich aus. Ich werde nicht mehr als Mensch mit Vorzügen und Schwächen betrachtet, sondern ich bekomme jetzt einen Wert. Eine Zahl. Damit kann ich mich messen, mit all den anderen, mit denen ich gemeinsam auf dem Parkett stehe. Und wenn mir die Messung nicht passt, dann verändere ich nicht den Vergleichswert, sondern mich: ich steigere meinen Marktwert. Nein. Ich optimiere ihn. Und zwar auf allen Ebenen: 
Angefangen hat das Ganze nämlich mit meiner Beziehung. Also, eigentlich eher mit meiner Nicht-Mehr-Beziehung. Er hat mich nämlich verlassen. Ich wollte Mitleid, Fürsorge und Aufmerksamkeit meiner Mitmenschen. Einen Abend mit Wein, Schokolade und Taschentüchern. Und ganz viel: „der hat dich eh nicht verdient.“ 

Stattdessen bekam ich die Visitenkarte eines Paartherapeuten in die Hand gedrückt. „Ihr hättet einfach mal zur Paarberatung gehen sollen. Dann wäre es gar nicht erst so weit gekommen.“ Meine Großeltern, und deren Großeltern, und deren Großeltern…sie alle sind auch so irgendwie durchs Leben gekommen. Aber: heute ist nicht mehr 1925. Und weil wir heute mehr erforscht haben, muss man auch mehr wissen. Ich war deshalb nicht bemitleidenswert, sondern selber schuld. 

Aus Selbstmitleid verkroch ich mich in der Folge zuhause und suchte mir Taschentücherfreunde. Die verstanden mich wenigstens, und trockneten meine Tränen. Am dritten Tag stand meine beste Freundin vor der Tür. „So kann das nicht weitergehen.“ Ich wollte auch gar nicht weitergehen, ich wollte Weinen. Aber auch dafür gibt es Berater. So verheult wie ich war unter Menschen? Keine Sorge! Die psychologische Beratung hilft beim Stichwort Depression diskret und zuverlässig. Vor mir lag plötzlich ein Zettel. „Wenn Sie diese Symptome erfüllen, dann sind sie depressiv. Das ist nicht schlimm. Daran können wir arbeiten. Und Ihr Befinden optimieren. Aber: wenn Sie jetzt nichts tun, dann sind Sie selber schuld.“

Ich hatte die Lektion verstanden. Wer sich nicht optimiert, der ist selber schuld, wenn es dann nicht klappt, mit dem Leben und so. Und: Es gibt für alles einen Berater, denn optimieren kann man auch alles. Selbst die Art sich zu optimieren. Lernen lernen heißt das, und klingt für mich wie essen essen. „Was soll ich denn auch sonst essen?“, frage ich mich, und akzeptiere stumm, dass einfaches Vokabellernen offenbar out ist. Stattdessen hole ich mir nun Infos darüber ein, wie mein Leben optimaler wird, sprich: ich glücklicher werde.
Ich bin also zunächst mal los zur Stilberatung. Um meine Persönlichkeit zu unterstreichen. So wie man wichtige Wörter unterstreicht, wenn man einen Text liest. Ich bin eine Frau: ich male immer bunt an. Deshalb hat mir die nette Dame auch meine Kraftfarben genannt. Grün und braun. Erd- und Naturfarben sollen mich wieder in Einklang mit mir selbst bringen. Um das zu unterstützen habe ich mir noch einen Feng Shui Berater ins Haus geholt. Damit mein Chi fließt, soll ich mehr runde Formen in meine Wohnung einbauen. Gesagt, getan. Neben Toilettendeckel, Pfanne und Deckenlampe habe ich jetzt auch runde Tischbeine und Schränke. Jetzt fließt, respektive kullert, alles schön durch meine Wohnung.

Für den meinen persönlichen Glücks-Dreiklang fehlt mir jetzt nur noch eines: die Ernährungsberatung. Vegan? Bio? Superfoods? Low Carb? Paleo? Ich blicke da nicht mehr durch. Die Rettung naht: eigentlich darf ich alles essen, wonach mir ist. In Maßen und ausgewogen. Nur: Zu meinem persönlichen Lebensstil muss es passen. 

Stil? Da war doch was. Grün und braun soll es sein. Und rund, für die Harmonie und das Chi. Seit einer Woche ernähre ich mich jetzt von Erbsen und Mozartkugeln. Das macht bestimmt rund. Äh. Rundum glücklich. 
Nachdem ich mein persönliches Umfeld bearbeitet habe, ist nun der Job dran. 

In meinem Unternehmen läuft nämlich gerade nicht alles so rund. Kein Problem. Dafür gibt es ja den Unternehmensberater. Da sitzt dann ein 23-jähriger vor meinem 55-jährigen Chef und erzählt diesem, wie er sein Unternehmen zu führen habe, damit wir am Ende alle so viel besser arbeiten, und damit, ihr ahnt es: optimale Ergebnisse liefern. 

Am Ende stimmt dann die Rendite. Entweder bei unserem Unternehmen- oder aber in der Rechnung des Beraters. Immerhin. 
Wenn das dem unternehmerischen Erfolg nicht geholfen hat, dann gibt es schließlich noch die Schuldnerberatung. Da erklärt man mir dann, wie ich ein guter Schuldner werde. Regel Nummer 1: ich akzeptiere, dass ich die Schuld habe. 
Nach all dem habe ich dann den Freundverlust um einen Jobverlust und einen Finanzverlust ergänzt. Das passt gut zusammen. Ich bin jetzt wieder total mit mir im Ein- äh Dreiklang. Und nach all der Beratung weiß ich jetzt, was ich bin, wer ich bin, was ich kann und was mich auszeichnet. Und habe all das bis aufs Maximum hochgefahren. Ich bin jetzt das Nonplusultra. Ich bin quasi unsterblich. Die Berufsberatung kann ich mir unter diesen Umständen schenken. Ich weiß ja jetzt, was ich werden möchte: 

Sterbetherapeut. Mit mir wird der Abgang bis zum Perfektionismus optimiert. Und wenn das nicht so ganz funktioniert hat, kann mir der Kunde im Nachhinein wenigstens nicht sagen, ich sei schuld daran. 

Verschließt euch nicht! 

Verschließt euch nicht! 

Nach den furchtbaren Anschlägen in Brüssel reagiert die Politik so, wie sie in derartigen Situationen regelmäßig reagiert: Ausrufung der höchsten Terrorwarnstufe, Sicherung der Grenzen, mehr Polizeipräsenz, Streichen von Reiseverbindungen, verstärkte Kontrolle an potentiell höchst gefährdeten Objekten und Orten. Warum?
Natürlich geht es dabei auch darum, gegebenenfalls noch flüchtende Attentäter zu fassen. Aber es geht auch darum, ein Bild der Sicherheit, der Kontrolle zu bieten. Die Gefahr eines terroristischen Aktes gegen das Atomkraftwerk Tihange ist mit den Anschlägen auf den Flughafen und die Metro nicht gestiegen- dennoch evakuieren die Betreiber auf Anordnung der Behörden nicht erforderliche Mitarbeiter. Es ist eine verständliche Reaktion: mit den heutigen Ereignissen ist der Terror wieder präsent in Europa. Er schwelt immer, und es brodelt im Untergrund, aber gelegentlich schwappt die Lava über, und dann brennt es, so wie jetzt. Und wo es brennt, muss man löschen. Nur: wohin führt dieser Aktionismus, der jetzt an den Tag gelegt wird? Mag sein, dass damit tatsächlich noch ein flüchtender Mittäter gefasst wird- aber ganz sicher nicht am Atomkraftwerk Tihange, und auch nicht in Tschechien, wo die Polizeipräsenz in der Prager Metro ebenfalls erhöht wurde. Die behördlichen Aktivitäten vermitteln damit zumindest in Teilen ein Bild, das bei näherem Hinsehen so trügerisch ist wie eine Fata Morgana. Allerdings: Nur weil etwas überflüssig erscheint, ist es noch lange nicht falsch. Die Angst ist verständlich, die Folgen eines Anschlages auf ein Atomkraftwerk nicht auszumalen. Aber bedenklich wird es dann, wenn es den Blick auf andere Handlungsmöglichkeiten verdrängt- nämlich solche, die die Ursachen des Problems bekämpfen. Terrorismus hat viele Gründe. (Ökologische) Ungleichheit, Diskrimierung, Rassismus, auch sogenannte imperialistische Interventionen und die angeblich aggressive Außenpolitik des Westens werden als Ursachen genannt. Unabhängig davon, was man von den einzelnen Gründen halten mag: Wir können diese nicht von heute auf morgen alle beseitigen, und schon gar nicht können wir unsere Geschichte ändern. Aber wir können mehr, als bloß die Symptome zu bekämpfen. Was für ein Bild wollen wir vermitteln? Das Bild Europas, das auf jeden Anschlag mit höheren Bollwerken, mehr Abschottung und stärkerer Kontrolle reagiert- oder das eines Europas, das offensiv gegen eine Welt antritt, in der Terrorismus für viele Menschen eine Möglichkeit zu sein scheint, Probleme zu lösen, oder doch zumindest die Aufmerksamkeit darauf zu richten und die vermeintlichen Verursacher zu verunsichern und ihnen zu schaden?
Bauen wir weniger Mauern. Gerade jetzt, gerade in solchen Zeiten, sollten wir, nein, müssen wir, auf die Menschen zugehen, die sich von uns ausgeschlossen, falsch behandelt oder ausgenutzt fühlen. Diese Menschen (wieder) in die Gesellschaft zu holen, bietet keine Garantie, dass niemals wieder Anschläge passieren werden. Aber das bieten tausende Polizisten und hohe Mauern auch nicht.

edit: Die Mitarbeiter aus dem Atomkraftwerk wurden offenbar vor allem abgezogen, um ein Eindringen von Personen zu verhindern, die sich als normale Angestellte ausgeben, aber Anschläge planen. Auch hier spricht ein hohes Misstrauen aus den Anordnungen. Und gerade deshalb gilt auch in diesem Bereich: öffnen. Nur wen ich kenne, dem kann ich auch vertrauen.

Frühstücksdebatte

Am Montagmorgen beim Frühstück ist mir was komisches passiert. Echt jetzt. Ich hatte mich aus dem Bett gequält nach einer echt anstrengenden Nacht, die Kaffemaschine angeworfen, das Brot aus dem Schrank geholt, den Tisch gedeckt. Jetzt sitze ich da, vor einem Becher duftenden Kaffees, und versuche, wach zu werden.

Ich greife zum Brot. Es ist schon etwas älter, aber mit genügend Butter ist auch das noch auszuhalten. Stärkt außerdem die Zähne. Und habe ich nicht vor kurzem gelesen, dass altes, trockenes Brot gut für den Darm, und damit gut für die Gesundheit ist? Also, her damit. 

Schwierig wird’s jetzt beim Belag. Irgendwer hat mal wieder Schinken besorgt. Ewig nicht gehabt. Aber irgendwie ein Klassiker, Stulle mit Butter und gutem altem deutschen Schinken. Ich will also gerade die Packung öffnen, da höre ich Stimmen. Hat da etwa schon wieder jemand sein Fenster aufgelassen, und toben die Nachbarn mal wieder draußen rum? Ich stehe auf und lausche. Ich hab kein Problem mit den Nachbarn, ganz im Gegenteil. Aber es wird kalt, wenn den ganzen Tag die Fenster offen sind, und draußen noch tiefster Winter herrscht. Bevor ich jetzt alle Zimmer kontrolliere, setze ich mich aber erstmal wieder hin. Vermutlich nur Nachwirkungen meiner wirren Träume. Ich greife also wieder zur Schinkenpackung, da höre ich es wieder. Ein leises Flüstern. Es muss ganz nah sein. Das sind nicht die Nachbarn. Ich widerstehe dem kindischen Drang, unter dem Tisch nachzusehen, und schüttele den Kopf. Was ist heute morgen nur los mit mir? Ein drittes Mal greife ich zum Schinken, da vernehme ich ganz deutlich Worte. „War ja klar, dass sie den Schinken nimmt.“ Ich zucke zurück und schaue jetzt ernsthaft unter dem Tisch nach. Aber außer alten Brötchenkrümeln liegt dort nichts. Doch, da hinten in der Ecke, da liegt doch der Einkaufszettel, den ich letzte Woche verloren habe..? Naja. Jetzt ist es eh zu spät. Auf jeden Fall keine zusätzlichen Küchenbewohner. Verwirrt tauche ich wieder auf. Da, wieder! „Das ist einzig und alleine deine Schuld.“ Woher kommt das? Ich halte den Kopf schräg und lausche. „Wenn du nicht soviel negative Aufmerksamkeit auf dich gezogen hättest…“ Langsam reicht’s mir. Wer spielt mir da einen Streich? Das kommt doch vom Küchentisch. Ich scanne das Aufgebot. Da stehen Brotkorb und Teller mit Messer. Meine Kaffeetasse. Daneben liegt die Zeitung, schon etwas zerfleddert von früheren Vögeln als ich es heute bin. Die Packung Schinken liegt neben dem Teller. Direkt daneben die Butterdose. (Blaue Blumenmuster, Erbstück meiner Oma) Weiter hinten stehen ein kleiner Tupperbehälter mit Käse, und ein größerer mit Salami. Daneben ein Glas vegetarischer Brotaufstrich. Den hat mein Mitbewohner vor einiger Zeit mal angeschleppt. „Ab jetzt wird es grün hier!“ Und mit Schwung das Glas auf den Tisch gestellt. Passt nicht ganz- es ist irgendwas mit Paprika und Rucola, deshalb ist es eher rot und nur mit kleinen grünen Flecken durchzogen, aber es schmeckt. Und irgendwie hat er sich deshalb durchgesetzt. Nicht in Massen, aber recht regelmäßig kaufen wir ihn doch wieder ein. Ja. Und dann steht da noch ein Glas Marmelade. Schwarzkirsche. Das war’s. Wer redet da? 

„Der zentrale Punkt ist deine Insulinbilanz. Es hat überhaupt keinen Sinn, da vorbeizureden.“ Kommt das etwa..? „Das ist eine tektonische Verschiebung der Frühstückslandschaft in diesem Haus.“ Ja. Es ist die Marmelade, die da redet. Ich bin baff. Und sie scheint sich uneins mit sich selber zu sein. „Also entschuldige mal. Meine schlechte Insulinbilanz? Ich als Kirsche mag vielleicht so gut schmecken, dass ich mehr anziehe, als gut tut, aber DU bist der zusätzlich zugesetzte Zucker. Tu nicht so, als hättest du nicht auch einen Einfluss darauf, in welchen Wellen die Insulinkurve verläuft!“ Das sitzt offenbar. Erstmal ist Ruhe. Der nächste Satz scheint aus der Richtung des Schinkens zu kommen. „Pech gehabt. Dass ich hier liege ist ja wohl eine klare Absage an eure Insulinpolitik.“ Die Marmelade ist wieder da. „Wir müssen dieses Warnsignal ernst nehmen und unseren eigenen Geschmack stets kritisch hinterfragen. Wir dürfen die Aufnahmefähigkeit des Körpers nicht überstrapazieren.“ Da scheint auch der Aufstrich wach zu werden. „Das Abschneiden des Schinkens ist wirklich bitter! Ihr hättet euch an meine Devise halten sollen: Essen muss nicht Spaß machen, sondern Sinn.“

Dem Aufstrich freien Streich zu geben scheint jedoch nicht im Interesse der Marmelade zu liegen. „Jetzt haben wir ewig zugesehen, wie Aufstrich und Salami das Frühstücksgeschehen beherrschen. Es wird Zeit, dass wir endlich mal wieder auf die Oberfläche kommen. Sonst setzen wir noch Schimmel an! Wir könnten uns zwar auch mit dem vegetarischen Aufstrich zusammentun. Aber meine Begeisterung für eine solche Mischung hält sich in Grenzen, weil dann die Gefahr besteht, dass wir dort in der Kombination mit dem Aufstrich als geschmacksdominierender Variante genauso marginalisiert werden wie aktuell die Salami. Ich gebe jedenfalls keinen einzigen Krümel Brot verloren.“

Plötzlich schaltet sich auch die gerade genannte Salami ein.

„Merkt ihr es denn nicht? Das Abschneiden des Schinkens ist mehr als ein Denkzettel! Wir haben uns immer gut ergänzt. Ihr solltet endlich mal eure Chaostage beenden und die Lösungen aufgreifen, die wir anbieten.“ 

Der Käse ist verdächtig still. Vielleicht ist er froh, dass er bei all den laktoseintoleranten derzeit bei uns überhaupt noch auf den Tisch kommt. 

Dafür meldet sich der Schinken nochmal zu Wort: „Dass ich hier liege, direkt neben dem Teller, zeigt doch, dass ich ein Produkt für den gesamten Haushalt bin. Die wollen eben endlich einen Geschmackswechsel.“

Ich schalte meine Ohren auf Durchzug. Ob ich wirklich einen Geschmackswechsel will, dessen bin ich mir gar nicht so sicher. Wenn ich so recht darüber nachdenke: das Salz des Schinkens verursacht mir bestimmt Bluthochdruck. Nur vegetarischen Aufstrich? Das ist mir dann doch zu viel Grünzeug. Und ob Marmelade und Salami gut zusammenpassen, das bezweifle ich auch stark. 

Ich stehe auf und verlasse den Frühstückstisch. Mir ist schlecht. 

Zitate sind teilweise an den Frühstückskontext angepasst:

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-03/wahlen-landtag-cdu-spd-politik
http://www.merkur.de/politik/landtagswahl-2016-ergebnisse-baden-wuerttemberg-live-ticker-montag-zr-6207798.html
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-03/landtagswahl-angela-merkels-fluchtlingspolitik-reaktionen-ursula-von-der-leyen
https://www.berlinonline.de/aktuell/4336018-4015970-landtagswahlen-2016-cdu-spd-mit-wahlkate.html
http://mobil.stern.de/politik/deutschland/afd–frauke-petry-sieht-partei-auf-weg-zur-regierungsfaehigkeit—reaktionen-auf-wahlen-6745586.html
http://www.merkur.de/politik/landtagswahl-baden-wuerttemberg-2016-ergebnisse-reaktionen-zr-6206580.html
ebenfalls verarbeitet habe ich die Aussage eine CDU Politikers, der darauf hinwies, die CSU solle, wenn sie schon die Flüchtlingspolitik „der Regierung“ kritisiere, nicht vergessen, dass sie ebenfalls Teil dieser Regierung ist- leider habe ich vergessen, wer dies war. Falls mir da jemand helfen kann..?