Klagelied einer Mutter

Wie willst du denn vom Schreiben leben?
Worte hat doch jedermann
und sie in einen Satz zu stellen
-denkst du nicht, dass das jeder kann?

Der Bruder hat zum fünften Male
die Meisterschaft gewonnen,
währenddessen hast du bloß
mit Worten rumgesponnen.

Vater ackert sich schon lange
seinen Rücken krumm.
Du könntest doch noch Doktor werden
bist doch nicht ganz dumm.

Der Onkel feiert morgen
fünfzig Jahre in der Bank,
wenn ich so auf den Leben schau-
mein Kind, es macht mich krank.

Seit Jahren bereits schlafe ich
vor Sorgen nur noch schlecht,
Sicherheit bringt mancher Job-
studier doch vielleicht Recht.

Hör doch, ich kann nicht ewig dich
mit Geld und Haus versorgen;
irgendwann verlass ich dich
und du musst Geld dir borgen.

Kredit jedoch erhalten Künstler
heute nur noch selten
weil sie als wenig wirtschaftlich
in ihrer Arbeit gelten.

Ach!- wo soll das alles enden?
Das Haus nehm‘ sie dir auch.
Dann stehst du da mit leeren Händen
und einem leeren Bauch.

Und wirst du dann dir Arbeit suchen
dann beuten sie dich aus
ohne eine Ausbildung
putzt du bald nur das Haus.

Eines Tages wirst du
unter jener Brücke landen
unter der wir damals
deine Katze wiederfanden.

Ausgemergelt war sie
und das Haar war recht zerzaust-
ich kann nicht glauben dass sie jetzt noch immer bei dir haust.

Ich seh dich einsam und alleine
auf der Straße laufen,
kannst dir von deinem Lohn nicht einmal eine Decke kaufen.

Suchst abends dann die Zeitungen von gestern aus dem Müll,
deren Worte heute
niemand sonst mehr hören will.

Druckerschwärze färbt, du weißt,
sich waschen ist vergeben,
bei jedem Regen werden neue Worte auf dir kleben.

Mein Kind, mein Kind, ich bang um dich,
und bitte voller Flehen:
Lass ab von diesen Worten
um was echtes einzugehen.

Ach, Mutter, mach dir keine Angst
ich werd doch Dichter bleiben
über das, worum du bangst kann ich vortrefflich schreiben.

Stille // der Schnee

Schnee wünsche ich mir
in diesen Tagen

weiße dicke Flocken
die still
und sanft
eine Decke herabsenken auf die Welt
und ihren Lärm
keine Farben mehr
nur noch Formen
und alles glitzert

Auf der Straße liegt noch
der Müll von gestern
und das Sperrige versperrt den Weg
Ich hörte im Süden hat es geschneit

Hier aber wehen
leere Hüllen
in den Straßen
nur Rauschen
und den Wind der sie lenkt kann ich nicht greifen
Es ist kalt hier im Norden
und im Süden der Schnee

Es kommt nichts an

Die Verbindung ist gestört
zwischen den Enden
sagt der Techniker mit Sorgen im Blick
er rechnet und misst und berechnet
und ich fühle

Es kommt nichts an

Ich wünsche mir Schnee
Dicke Flocken
die sich auf den Boden legen
die Stimmen schlucken
Gedanken
die ich gerne senden würde
doch
Jeder Laut ist ein halbes Wort und
Jedes Wort ist ein halbes
           Reich
                An
                Unrecht im Recht

Eine weiße Decke
danach sehne ich mich
wie ein Umhang für einen Planeten
der sich um Schultern legt
-ach: Traum verschneiten Südens!

Doch
die Straße grau
der Schnee im Süden
und ich
weiß
Zwischen ach und ich nur ein kleiner Strich
Die engste Verbindung
zwischen zwei lauten
Klagen
will ich nicht

Nur
diese unerträgliche Schwere leichter Worte
ein wenig beweinen

Gedanken an A.

Wissen wir je wirklich Bescheid?

Wir sitzen am Tisch und reden und lachen es ist einer dieser Freitagabende und irgendwann fragt jemand nach den Namen der Nazi-Größen und es ist nicht einen Moment still darauf denn wir sind die dritte Generation wir dürfen das und wir können das nur die ganzen Namen kennen wir nicht aber lachen können wir trotzdem und vor allem danach suchen auf tagesschau D E gibt es eine Liste aller Größen inklusive ihrer großen Beinamen und die klingen nach noch etwas viel größerem nämlich nach Hollywood und Blockbuster und wir lachen noch lauter

vielleicht weil wir uns so klein fühlen neben diesen großen Namen

aber das sagt natürlich keiner denn wir sind groß geworden mit diesen Geschichten zum ersten zum zweiten zum dritten Mal im Geschichtsunterricht behandelt und dann noch einmal im Abi nachgefragt und überhaupt schreibt man das ABI heute groß denn es ist ein Nomen also ein Namenwort und diese Dinge schreibt man am Anfang immer groß bis wir es wegstecken und damit in die Welt ziehen und dann liegt es schwer in unserer Tasche damit wir nicht vergessen was wir daran haben und was wir damit können damit wir immer noch wissen was wir daran haben weil wir so viel wissen und man bei so viel Wissen auch manchmal etwas vergisst das kommt vor wenn man so viel weiß dass man einige Dinge irgendwann nicht mehr weiß

so wie man manchmal Namen vergisst und es gar nicht böse meint und niemand darum böse ist nur manchmal leise einer weint

und deshalb sammeln wir Erinnerungen wie Steine am Meer denn je mehr man hat umso weniger schlimm ist es wenn eine zwei oder drei verloren gehen und wir haben so viele von früher als wir klein waren als wir größer wurden und noch immer klein waren und noch größer wurden und nicht mehr ganz so klein waren und als wir groß geworden waren oder es zumindest dachten weil wir schon so groß sind dass wir gar nicht mehr richtig wissen, wie es ist, klein zu sein, und nicht alles zu verstehen und vielleicht liegt es daran dass es so laut ist während wir noch lachen dass wir zunächst die Frage nicht verstehen die auf einmal im Raum steht

Was wisst ihr denn eigentlich noch
von euren Großeltern?

Aber dann lacht keiner mehr.
Einer schaut in sein Handy.
Vielleicht findet er da ein Foto aber vielleicht auch nicht.
Einer schaut auf seine Uhr. Vielleicht hat er sie vererbt bekommen aber vielleicht auch nicht.
Eine fingert an ihrer Halskette.
Vielleicht gehörte sie früher der Oma vielleicht aber auch nicht.
Eine sucht in ihrem Wörterbuch nach etwas.

Vielleicht sucht sie die passenden Wörter vielleicht aber auch nicht.

Und einer spricht.
Vielleicht sind es die Worte des Großvaters oder der Großmutter vielleicht aber auch nicht.

Und vielleicht könnten wir uns austauschen
er und ich
wenn er es wollte
und ich es könnte

Aber er weiß mehr
von seinem Großvater
mit dem er stundenlange Gespräche führen konnte

Er weiß so viel mehr als ich und ich ärgere mich
vielleicht weil er nur redet und redet und redet und nicht Luft holt sondern nur Blicke sammelt und Anerkennung für alles was er weiß und ich mich frage ob er eigentlich die Fragen nur gestellt hat um sich jetzt reden zu hören oder ob er damals den Großvater wirklich reden hören wollte – was für ein unpassender Gedanke, denke ich dann

Und plötzlich stehen wir an einer Front
Er
der redet
und Ich
die schweige

Denn er weiß mehr
als ich
deren Großvater nie richtig aus dem Krieg zurück kam
und für den es manchmal schlimmer war
nicht da geblieben zu sein
Der Großvater
der mir jedes Mal wenn ich zum Mittagessen kam sagte es gebe keinen Vanillepudding dabei stand die Schüssel immer schon in Sichtweite und der das unglaublich komisch fand
und ich
die diesen Witz nie verstand und immer dachte dass es einfach nicht witzig sei darüber zu scherzen dass etwas gar nicht da sei wenn ich es doch sehen konnte
und dann habe ich trotzdem jedes Mal so getan als glaube ich ihm
und er hat gelacht
jedes Mal

Er weiß mehr als ich
die noch nie in Amerika war diesem Land der unzähligen Möglichkeiten und die das Land nur aus Geschichten kennt
zum Beispiel jener von dem Großvater
der Baumwolle gepflückt hat auf den Feldern in Texas weil man ihn in Russland für einen Amerikaner gehalten hatte und erst dort drüben feststellen musste dass er ja auch nur einer dieser Deutschen war weshalb er dann Baumwolle pflücken durfte
genau wie die Schwatten
Und das klang eigentlich nach einer lustigen Geschichte nur dass nie jemand darüber gelacht hat
schon gar nicht der Großvater
der so zwar in Amerika gewesen war
aber eigentlich auch nicht so richtig

Er weiß mehr als ich
die ihren Großvater immer für alt hielt und alte Leute sind nicht jung und wenn man jung ist kann man sich auch nicht vorstellen dass man einmal alt wird und deshalb ist es auch schwer sich vorzustellen dass alte Menschen einmal jung waren und Kraft hatten
und zu Fuß quer durch Russland laufen können
und dass es Dinge gibt über die man nicht reden möchte kann man sich auch nicht vorstellen wenn man gerade in die Schule gekommen ist und alles was man täglich erlebt so wahnsinnig spannend und neu ist dass man übersprudeln möchte vor Wörtern
nein dass es da Dinge gibt über die man nicht spricht dass kann man sich nicht vorstellen

Er weiß mehr als ich
die ich nie bei meinen Großeltern übernachtet habe
sondern nachts unter meinem eigenen Bett nach Monstern suchte
Monstern denen ich so fantasievolle Namen gab die tagsüber genauso ulkig klangen wie die fremde Sprache der Großeltern in der das zu dat und was zu wat wurde
und es klang zwar jedes Mal so anders wenn sie sprachen aber verstanden habe ich es trotzdem immer nur sprechen konnte ich es nicht

Er weiß mehr als ich
die ich dachte dass er doch eigentlich ganz ruhig war der Opa
wie ein Opa eben

weil ich ja nachts die Schreie nicht hörte
und erst später erfuhr dass er gelegentlich Schubkarren durch den Garten warf

weil er nicht weinen konnte

Aber das weiß ich erst jetzt
dass die Schubkarre seine Tränen waren
und dass man nicht alles glauben darf was man hört
das habe ich auch erst später gelernt

Damals als er wirklich ging
blieb ich zuhause
denn es regnete und man fürchtete ich würde krank werden
also blieb ich zuhause
Damals
als man ihm endlich die letzte Ruhe gewährte
die Menschen und sein Geist
und er nicht immer so furchtbar wütend werden musste auf sich und auf die Menschen und vor allem auf den Russen
sollte ich mir Ruhe gönnen,
und im Bett bleiben,
denn ich war
noch jung
so wahnsinnig jung
als er starb
schon die dritte Generation nach dem Krieg
und die Zukunft muss man bewahren.

Jetzt bin ich größer und wir sitzen am Tisch und reden und lachen es ist einer dieser Freitagabende und vormittags sitzen wir gemeinsam in der Universität
er mit seinem Wissen
und ich mit meinen Fragen
wir sitzen da in irgendeiner dieser Vorlesungen und hören beide wie irgendeiner fragt: warum gibt es eigentlich keine Literaturepoche zwischen 1930 und 1955 der Krieg ging doch nur von 39 bis 45
und er lacht und ich auch
denn er mag zwar mehr wissen aber wir beide haben
einmal zweimal dreimal
diese Geschichten in der Schule behandelt
und natürlich wissen wir deshalb beide dass der Krieg nicht einfach endet und dann vorbei ist
und ich denke noch
wie naiv
und dann denke ich
irgendwie auch schön so naiv sein zu können
und dann frage ich mich
verdammt ist es nicht gefährlich so naiv zu sein?

Ich weiß nicht
ob ich verstehe
worüber wir an diesem Abend noch reden
und warum die anderen sagen was sie sagen.
Und ob ich damals schon verstanden habe
habe ich vergessen.

Schreiben bis zum Ende- der Versuch einer Verteidigung

Schreiben
bis zum Ende
-der Versuch einer Verteidigung-

Wir Schreibenden sind Getriebene
von einer unsichtbaren Hand.
Kein Mensch hat je die Peitsche erhoben
und schon lange ist alles gesagt

Ist es nicht verschwenderisch, Seite für Seite zu schreiben und schließlich am Ende angekommen, festzustellen, dass der Großteil der Worte überflüssig ist?

Nein. Keines der Worte ist überflüssig.
Ich gehe auf ihnen über den reißenden Fluss, und um ans Ende zu kommen, muss ich auch den Anfang gehen.

Wo ist es, dieses Ende?

Direkt gegenüber des Anfangs. Die andere Seite des gleichen Weges.

Und wie findest du den Weg?

Ich gehe. Wort für Wort. Fange vorne an. Gerade da tun sie sich noch schwer. Sind wackelig, und manchmal verliere ich den Halt.

Wie ist es, im Wasser zu treiben? Im Wirbel der Masse zu ziehen?

Zu schwer um unterzugehen.

Und raus?

Nur mit blutigen Knien.

Schmerzhaft.

Weh tut es mir nur, um die Seiten, die ich verwerfe.
Für jedes weitere Blatt
ein Baum
mächtige Esche zu Schnipseln im Müll
Blätterregen als wäre schon Winter.

Aber die Zeit, die du verlierst…

Nur was man besitzt, kann man verlieren.

Warum dann trotzdem…

Der Versuch, sie festzuhalten?

Ja.

Ich halte sie nie. Ich bitte sie nur sich zu zeigen.

Und kommt sie…

Der Bitte nach? Gelegentlich.

Kannst du überhaupt so schnell schreiben, wie du denkst?

Nein, ich kann es nicht. Ich renne immer hinter mir her
Atemlos
bin ich nie
und schnappe trotzdem nach Luft.
Ich hänge immer ein bisschen zurück
laufe konstant im eigenen Schatten.
Bis ich mich dann aufhänge

wie eine Platte
die immer und immer wieder das Gleiche spielt
weil sie zu lange um sich selber gekreist ist

auf der Stelle tretend komme ich nicht mehr voran
Wasser tretend
und keine Milch
zu Butter

Und wenn ich dann stolpere
-denn der Vergleich hinkt
falle ich auf ein Kissen aus Luft

zu dünn
um mich auszuruhen.

Vielleicht nur eine Wolke
die schon bald vorüberzieht
und bloß ein paar Tropfen den Ozeanen hinzufügt.

Und in diesem Tropfen
bricht sich die Sonne, spiegelt sich die Erde,
und in diesen Tropfen verirrt sich das Licht.

Gefangen im Aether sehnt man sich manchmal nach dem Schmutz des Bodens.

Warum?

Weißt du-
Wir Schreibenden sind Getriebene.
Fallende Federn im Aufwind der Erde.

bmh hat mich mit einem Kommentar zu einer meiner letzten Veröffentlichungen hierzu inspiriert. Danke dafür!

Zwiegespräch

Klagelied einer Lyrikerin

Ich nenne mich
Ich
Ich nenne dich
Du

Ist damit nicht alles gesagt?

Ich sage nicht man
wenn ich von mir rede
und ich spreche dich an
wenn ich mit dir rede

Ist damit nicht alles gesagt?

Ich denke
also bin ich
du bist
deshalb denke ich

Damit ist alles gesagt.

Und trotzdem fehlen mir die Worte
für das
Du und Ich

Wie gerne nannte ich dich und mich
wir

Aber ich und du
das reicht nicht zum wir
das ist bloß ich und du
zum wir aber
bedarf es ein war
ein Wesen uralt und beständig
das vor gestern schon begann
das bis ins heute lebt
Das aus ich und du
wir
werden lässt
aus zwei Dingen
Eines
macht

Doch das war: nur einmal

das war
ist vergangen
das war
ist gegangen

Es ist ein Gewesen geworden
ein schreckliches Wesen
an dem alle wir
langsam verwesen

Und das wir: ward keinmal

So bleibt
am Ende
vom ich und vom du
nur der Gedanke an Dich
und für mich
nur das U

bloß der zehnthäufigste Buchstabe in deutschen Texten

Antwort des Mathematikers

Ich bin ein Paradox.
Eine Parallele zu allen Geraden.

Ein Strich in der Landschaft.
Eine ganze Dimension zu wenig.

Und Du
sprichst Mich
an.

Das ist eine Menge.

Und ja
Vielleicht hast du Recht
und wir sind bloß
Ich und Du
und es bleibt dir nur das U.
Was soll’s?
Dreh den Spieß doch einfach um
und du findest
was uns eint:
Ich ∩ Du.

Was wir haben
ist irrational.
Es lässt sich nicht bloß
als Verhältnis von Zweien darstellen.

Vergiss das War
denk an Morgen
-auch wenn dir das jetzt noch
fern jeder Realität
erscheinen mag.
Gib

Denn dort treffen sich schließlich die Parallelen.

Q.E.D.