Schachspiel

Er sagt
Aufgeben sei keine Schande
und der weiße König längst gefallen
noch fünf Züge bis H5

Mit zusammengepressten Lippen
aber wandert der Bauer weiter

Er insistiert
Du kannst aufhören
du lernst eh nichts mehr
Du verlierst

zu viele Felder
um sie alle zu besetzen

du hast verloren
als du
aufgehört hast
zu agieren
Re
-ak (tion)
-zep (ter längst vergangener Könige)
-tanz auf heißer Asche
Jeder Zug
Flucht
nach vorne

Sein Kaugummimund
verzieht sich

Die Züge
bleiben leer
e Versuche gegen den Fakt
Zieh doch
irgendwie
Versuch es gar nicht erst

Doch.
Ich kann noch
den weißen Turm
auf G7
aufgeben
Und was weißt du dann schon vom Gewinn?

Ohne Titel

Und schließlich
werde ich dahingehen
Wasser das fließt

Auf Reisen gehen
und dann nur
aufgehen im Meer

Dort kann ich nicht bleiben
mit der Sonne
die täglich untergeht

und meinen Lungen bloß
zu klein
um auf Grund zu tauchen

Und bin ich auch
ein Vogel
den Horizont seh ich doch nicht
dürsten tu ich drum nur
nach dem Wasser
und brauche sein Licht

Warum reisen
wenn doch alles im Winde vergeht
und selbst das grünste Blatt
seine Farbe verliert?

Doch wenn das blaue Rinnsal
nicht auf weiße Wüsten fließt
woher soll der Vogel wissen
dass es eine Quelle gegeben hat?

Was ich weiß und was ich mich frage 

Der Mann an meiner Seite
erzählt von ismen und ismen und tur
und zeigt auf bunte Karten
und schwarz-weiße Zahlen
Was ist das
frage ich als er fertig ist
und zeige auf etwas
was war das
verbessert er mich
und sagt darauf etwas
und ich weiß nicht
ob ich die Antwort verstehe
Abends sind die Straßen voll
Heute Morgen auf der Frühchenstation
lagen vier Kinder
zwei Buben und zwei Mädchen
und die Lampe war wohl etwas zu grell
Was ist das
fragten die Augen
und ich sagte
Licht
aber ob sie die Antwort verstanden weiß ich nicht
Es ist kein Durchkommen
Der alte Herr am Bahnsteig fragt mich
ist das der richtige Zug
und ich antworte mit „Ja“
und denke doch
„Ich weiß es nicht“
während ich einsteige
Auf meinem Sitz liegen alte Zeitungen
auf denen es sich schlecht sitzt
und während wir uns ruckelnd in Bewegung setzen
und uns vom Bahnsteig entfernen
träume ich
von Augen und Händen und Fragen
und dem Geruch warmer Brötchen
aus dem Hintereingang der Bäckerei
auf dem Weg zur Schule
und den Tränen
auf das Tagebuch eines jungen Mädchens
das nicht weiß werden durfte
wann genau das war
weiß ich nicht mehr
nur
dass die Vögel fliegen
ohne Himmel zu sagen

Schwarze Löcher

Abend
Das Spiegelbild
verschwommen
heiße Nebelschwaden
in der Luft
des Raumes
weiße Fliesen
weinen silbrige Tropfen
und ich
atme schwer
Erschöpft

Es ist heiß
Den Stöpsel gezogen
Wasser
verschwindet
Zurück bleibt
rosa weiß glitzernder Schaum

Nacht
Das Spiegelbild
verschwommen
leichter Wind
über dem Wasser
des Sees
dunkle Schatten
werfen silbrige Tropfen
und sie
atmet schwer
Erschöpft

Es ist Zeit
Stecker zu ziehen
Mutter
verschwindet
Zurück bleibt
ein längst vergessener Traum

Die Taube

Vor einiger Zeit beobachtete ich eine Taube. Das Erlebnis mag lange her sein, die Gedanken dazu sind (leider) aktuell wie eh und je.

Irgendwann geht eine Taube
In der Universität spazier’n
Denn dort kann, so scheint ihr Glaube,
Ihr ganz sicher nichts passier’n

Hat sich für den Gang am Mittag
Die Juristen ausgewählt
Weil man dort, wo man das Recht mag,
Keine weißen Tauben quält

Geht, den Kopf ganz stolz erhoben
und genießt die Marmorfliesen
Diesen Glanze kann man loben
Kein Vergleich mit nassen Wiesen!

Eingetreten schon vor Stunden
Was sie will weiß sie nicht mehr
Hat den Ausgang nicht gefunden
Geht noch heute hin und her

Rüstung

Diese Welt
ist nicht einfach
zu verstehen
Und sie wird immer schwerer

Wenn die Natur
sich bereit macht
anzugreifen
liegt doch wohl in der Natur des Menschen
Schutz zu suchen
ist doch nur natürlich

eine Rüstung zu suchen
um sich zu schützen
Denn jede Rüstung
besänftigt die Entrüstung
zumindest ein bisschen

Jede Rüstung nämlich
schützt vor Schlägen
zumindest etwas

Und jede Rüstung
bietet ein Versteck
zumindest ein kleines

Und hinter jeder Rüstung
kann man Kraft tanken
für den nächsten Schlag

Und jede Rüstung
verdeckt die Wunden
zumindest erstmal

Und ist sie nicht schön
diese Rüstung?
Wie sie glänzt im Licht
und scheint
das zu sein
was sie immer wieder verspricht.
Hinter die Rüstung
da schaut man nicht

Denn eine Rüstung
ist eine Rüstung
ist eine Rüstung
für den Krieg

Und all die Schläge
gegen all das Eisen
um es zu schmieden
solange es heiß ist
hallen wider und wider und wider