Grenzen

Es ist leichter über mich zu reden
als ich zu sein

Ich mache mir Sorgen, sage ich
und womöglich habe ich sogar Angst
die Logik der Worte geht mir leicht über die Lippen
und auch durch den engen Hals

Wir geben Dinge von uns preis
die uns nicht preisgeben

Es ist so viel leichter darüber zu reden
dass wir die Farben anders wahrnehmen
diese wundersame Subjektivität objektiver Dinge
als dich zu fragen
wie du das rote Blut meiner Adern siehst

Wir reden von gestern
und meinen das heute
damit zu beschreiben
als sei alles bloß eine Folge
vielleicht noch eine Summe
aber sicher kein Produkt
dessen Variablen unsicherer Potenzen
fern jeder Wahrscheinlichkeit liegen

Wie lernt man
zu akzeptieren
dass Grenzen gemeinsame Linien sind?

Rainbow’s end

Rainbow’s end

Rainbow’s end
lies here
sprung from the most colorful grey
to ever cover the rest
The reddest stain
forever burnt in Glencoe’s low
The highest road to bonnie banks
and deepest dark to dive
where golden light can’t touch

Green almost everywhere
just hidden
countless tones of brown
reverberating in the chest
on closing both eyes

and here it is
where all colors merge:
tiny white dots
crossed
against a blueish sky

in this place
this no-mans-land
I’ve never seen a person

be unkind

Eine Hotelbar in Hamburg 16.04.2017

Er bringt uns Bier
und Tee
Augen auf
das Tablett damit die Getränke nicht umfallen

Die Rechnung erhalten wir
später
aufs Zimmer
Vorher erzählen wir noch ein paar Geschichten
Lustige vom Urlaub
und solche vom Tag

Er aber steht und schweigt
Vor sich
Teller und Tassen und ein Tagebuch
Keine Ahnung
was man noch hinein schreiben soll

Die Zettel sind markiert
Die Zettel sind gezählt
Ein gänzlich unpersönlicher Akt

Er aber steht und schweigt
Er gibt Acht
dass die Gläser
von denen er eines nach dem anderen in die Hand nimmt
nicht zerbrechen

Bald sind alle Gläser poliert
und glänzen
dass man durch sie hindurchsehen kann
Hat man das je von einem Spiegel behaupten können?

Wir gehen
als das Bier leer ist
nur ein paar Erdnüsse lassen wir zurück
und einen Gruß für die Nacht

Er erwidert
aber eigentlich steht er und schweigt
Ein Butler aus alter englischer Zeit
Nur dass die kein Smartphone hatten
und wohl auch keinen türkischen Pass

So

Vielleicht bin ich so
und du bist nicht so
vielleicht bin ich aber
auch nicht so
Heute jedenfalls bin ich so
Und morgen nicht
So.
Vor dir bin ich so
Vor mir bin ich so
Und dass ich nach dir
nicht so bin
wie vor dir
weiß ich
Und dass ich vor dir
nicht so bin
wie vor mir
weißt du
und lässt mich sein
wie ich bin

Weil ich nicht bin
wie
die anderen sind
so
genau wie die anderen

Weil ich nicht immer bin
wie
ich innen bin
so
genau wie alle anderen

Weil ich dann
so bin
und so bin
und so
unerträglich
so bin
und mich so
nicht sehen mag

Und dass du mich siehst
wie ich bin
wenn ich mich nicht sehe
das ist so

schön.

Schachspiel

Er sagt
Aufgeben sei keine Schande
und der weiße König längst gefallen
noch fünf Züge bis H5

Mit zusammengepressten Lippen
aber wandert der Bauer weiter

Er insistiert
Du kannst aufhören
du lernst eh nichts mehr
Du verlierst

zu viele Felder
um sie alle zu besetzen

du hast verloren
als du
aufgehört hast
zu agieren
Re
-ak (tion)
-zep (ter längst vergangener Könige)
-tanz auf heißer Asche
Jeder Zug
Flucht
nach vorne

Sein Kaugummimund
verzieht sich

Die Züge
bleiben leer
e Versuche gegen den Fakt
Zieh doch
irgendwie
Versuch es gar nicht erst

Doch.
Ich kann noch
den weißen Turm
auf G7
aufgeben
Und was weißt du dann schon vom Gewinn?

Ohne Titel

Und schließlich
werde ich dahingehen
Wasser das fließt

Auf Reisen gehen
und dann nur
aufgehen im Meer

Dort kann ich nicht bleiben
mit der Sonne
die täglich untergeht

und meinen Lungen bloß
zu klein
um auf Grund zu tauchen

Und bin ich auch
ein Vogel
den Horizont seh ich doch nicht
dürsten tu ich drum nur
nach dem Wasser
und brauche sein Licht

Warum reisen
wenn doch alles im Winde vergeht
und selbst das grünste Blatt
seine Farbe verliert?

Doch wenn das blaue Rinnsal
nicht auf weiße Wüsten fließt
woher soll der Vogel wissen
dass es eine Quelle gegeben hat?

Was ich weiß und was ich mich frage 

Der Mann an meiner Seite
erzählt von ismen und ismen und tur
und zeigt auf bunte Karten
und schwarz-weiße Zahlen
Was ist das
frage ich als er fertig ist
und zeige auf etwas
was war das
verbessert er mich
und sagt darauf etwas
und ich weiß nicht
ob ich die Antwort verstehe
Abends sind die Straßen voll
Heute Morgen auf der Frühchenstation
lagen vier Kinder
zwei Buben und zwei Mädchen
und die Lampe war wohl etwas zu grell
Was ist das
fragten die Augen
und ich sagte
Licht
aber ob sie die Antwort verstanden weiß ich nicht
Es ist kein Durchkommen
Der alte Herr am Bahnsteig fragt mich
ist das der richtige Zug
und ich antworte mit „Ja“
und denke doch
„Ich weiß es nicht“
während ich einsteige
Auf meinem Sitz liegen alte Zeitungen
auf denen es sich schlecht sitzt
und während wir uns ruckelnd in Bewegung setzen
und uns vom Bahnsteig entfernen
träume ich
von Augen und Händen und Fragen
und dem Geruch warmer Brötchen
aus dem Hintereingang der Bäckerei
auf dem Weg zur Schule
und den Tränen
auf das Tagebuch eines jungen Mädchens
das nicht weiß werden durfte
wann genau das war
weiß ich nicht mehr
nur
dass die Vögel fliegen
ohne Himmel zu sagen