Zwiegespräch

Klagelied einer Lyrikerin

Ich nenne mich
Ich
Ich nenne dich
Du

Ist damit nicht alles gesagt?

Ich sage nicht man
wenn ich von mir rede
und ich spreche dich an
wenn ich mit dir rede

Ist damit nicht alles gesagt?

Ich denke
also bin ich
du bist
deshalb denke ich

Damit ist alles gesagt.

Und trotzdem fehlen mir die Worte
für das
Du und Ich

Wie gerne nannte ich dich und mich
wir

Aber ich und du
das reicht nicht zum wir
das ist bloß ich und du
zum wir aber
bedarf es ein war
ein Wesen uralt und beständig
das vor gestern schon begann
das bis ins heute lebt
Das aus ich und du
wir
werden lässt
aus zwei Dingen
Eines
macht

Doch das war: nur einmal

das war
ist vergangen
das war
ist gegangen

Es ist ein Gewesen geworden
ein schreckliches Wesen
an dem alle wir
langsam verwesen

Und das wir: ward keinmal

So bleibt
am Ende
vom ich und vom du
nur der Gedanke an Dich
und für mich
nur das U

bloß der zehnthäufigste Buchstabe in deutschen Texten

Antwort des Mathematikers

Ich bin ein Paradox.
Eine Parallele zu allen Geraden.

Ein Strich in der Landschaft.
Eine ganze Dimension zu wenig.

Und Du
sprichst Mich
an.

Das ist eine Menge.

Und ja
Vielleicht hast du Recht
und wir sind bloß
Ich und Du
und es bleibt dir nur das U.
Was soll’s?
Dreh den Spieß doch einfach um
und du findest
was uns eint:
Ich ∩ Du.

Was wir haben
ist irrational.
Es lässt sich nicht bloß
als Verhältnis von Zweien darstellen.

Vergiss das War
denk an Morgen
-auch wenn dir das jetzt noch
fern jeder Realität
erscheinen mag.
Gib

Denn dort treffen sich schließlich die Parallelen.

Q.E.D.

Just like any other train

I am running late and have to rush to catch the train on time. When I sit in my seat, sweaty and panting, the ticket inspector approaches. „I don’t have one“, I confess, „Would you sell me one, please?“ I expect trouble, but he smiles widely, and answers: „Oh, with pleasure my dear. That makes 1,50 then, please.“ I hand him a fiver and without any further words he turns to walk away. „Hey, mister. Excuse me, sir.“ I jump to my feet and catch him by the shoulder and by surprise. Doesn’t he realize that I have given him too much? He surely must know. At least when I remind him of it. He must know that I have given him way too much.
But when I ask him for the change he just laughs and says: „Oh, there is no change.“
I am puzzled. He must be joking. But a look on his face tells me he is not.
„No change? Not ever?“ My words begin to tremble when I realize what he means. I scold myself for that, but I can’t change it.
„No. Never.“ He gestures towards the window. „Just take a look outside. You will realize: it’s all the same.“
I can’t follow his hand. I can’t and will not look out of that window, I just can’t watch it all go by. Instead I stare at him in horror and say: „But then I need to go back.“
He sniffs angrily. „What are you thinking, stupid girl. This is a one-way train.“
„And where is it going?“ My voice sounds desperate.
„Going from here to anywhere“, he said says vaguely.
„And where is that, anywhere?“
„Oh you’ll see, you’ll see.“ I don’t want to see. I’ve already seen too much.
„And if I don’t want to see? If I want to get off here, now, at this moment?“ I try to reach out to him, but my fingers don’t touch a thing.
„Oh, stop complaining“, he growls, but he doesn’t really seem to bother, „this train is not stopping, and you know that. You knew it all along.“ I don’t want to hear what he says, but his words easily cross the distance that my fingers couldn’t.
„You can hopp on anytime you want and that’s…“ he stops as the train lurches to a standstill. „We are here anyway.“
I hear the brakes, the sounds of the dying engines, the escaping air, and now, after all, I do take a look out of the window. „But there is nothing here.“
„You are mistaken. That is nothing here.“ As if that was nothing compared to other places. Or, and I start to shiver now that I realize it, as if nothing was a place.
„But you said this train would be going anywhere!“
He laughs, quietly and hoarsely. „My dear little girl. Didn’t they tell you in school that anywhere and nowhere do have the same ending?“

Im Exil

Es gibt dort draußen diesen Hof, und es ist ein schöner Hof. Mit großem Feldern und einer schönen Scheune.
In einem Frühjahr aber starb der alte Bauer, und sein Sohn erbte den Hof. Und während der Alte in den Sternen die Wetterlage ablesen konnte, und einer Kuh bloß in die Augen schauen musste, um zu sehen, ob es ihr gut ging, hatte der Junge nur Augen für diejenigen, die ihm nie in die Augen würden schauen können, ihn aber dennoch unerlässlich ansehen sollten.
Er war ein mickriger junger Mann, und er wollte nicht, dass die Leute es bemerkten, aber wenn er sprach, merkte man, dass er wusste, dass sie es doch taten, und er tat sein Bestes, um wenigstens diese Tatsache zu verbergen.
Er hatte lange davon geträumt, den Hof zu übernehmen, aber nicht der Arbeit wegen. Er mochte die Feldarbeit nicht, den Staub, der sich am Ende des Tages über alles legte, in die Haare, auf die Haut, sodass man nach der Wäsche eine ganz dunkle Schüssel hinterließ. Er mochte aber auch die Papierarbeit nicht, das Rechnen und Aufschreiben der abgeleisteten Stunden, die Auszahlung des Lohns, der sowieso viel zu hoch war, und den die Arbeiter immer zu pünktlich einforderten.
Er hatte den Hof übernehmen wollen, allein des Hofes wegen, wegen seiner Größe und seinem Namen, und dem, was daraus noch werden konnte, wenn man es nur richtig anpackte. Aber jetzt hatte er ihn an der Wange, mitsamt der veralteten Gerätschaften, der Bauernregeln und -Rituale und allem, was dazu gehörte.
Er würde es ändern müssen, vieles. Bald schon.
Vor allem aber störten ihn die Hilfskräfte aus dem anderen Dorf.
Er sprach ihren Dialekt nicht, und ihre Haare waren immer ein wenig dunkler als die der hiesigen Dorfbewohner. Sie erzählten Geschichten von hinter dem Berg, und sie hatten Rezepte, die er nicht kannte, und die er für unverdaulich hielt. Er kannte sie nicht, genauso wie den Hund des Nachbarn, der ihn als Kind gebissen hatte. Er war von seinem Vater zum Nachbarn geschickt worden, um ein paar Äpfel rüber zu bringen, ein paar frische rote Äpfel, als dank für die Farbe für den neuen Lattenzaun. Und dann war da dieser Hund gewesen, er war neu, und er hatte gebellt. Der Junge aber war einfach weiter marschiert, und es war ihm egal gewesen, sollte er doch bellen, er würde sich davon nicht abhalten lassen.
Sein Vater hatte ihm später gesagt, er hätte einfach nur in die Knie gehen und die Hand ausstrecken müssen, um dem Hund zu zeigen, dass von ihm keine Gefahr ausgehe, dann hätte er auch nicht gebissen. Der Vater. Er war schon immer viel zu nett gewesen.
Genauso kannte er jedenfalls die Arbeiter aus dem anderen Dorf nicht, und deswegen mochte er sie nicht.

Und dann war da dieser Vorfall mit dem Öl. Eines Morgens fehlte plötzlich ein ganzer Kanister aus der Scheune, und sein Verbleib ließ sich einfach nicht aufklären.
Aber einige Tage später stand plötzlich eine der Hütten in Flammen, in denen überwiegend Arbeiter aus dem Nachbardorf wohnten, und angesichts des lodernden Feuers war klar, dass nur dort das Öl gelagert worden sein konnte. Also löschte man das Feuer und dann warf er sie raus.

Der alte Mann, der jahrelang dort gearbeitet hatte, war nicht überrascht, als er seine Sachen packen und gehen musste. Er hatte es irgendwie kommen sehen, als der alte Bauer gestorben war.
Und er ging lieber freiwillig, als abzuwarten, was mit denen passierte, die blieben.
Aber traurig war er schon. Er hatte sich dort immer wohl gefühlt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass er vielleicht, nur weil er nicht dort geboren war, irgendwann sich für seine Wanderschaft rechtfertigen müsse, oder dass er, viel ärger, irgendwann nicht mehr willkommen sein würde, dort, wo er länger lebte, als irgendwo anders, und wo er längst den Dialekt so selbstverständlich sprach, als wäre er ihm in die Wiege gelegt worden. Während die Erinnerungen an das alte Dorf langsam verblassten, und es ihm immer schwerer fiel, sich sein Elternhaus noch einmal in Erinnerung zu rufen, konnte er zu jeder Scheune auf dem Hof eine Geschichte erzählen, er kannte die Alten aus dem Dorf, die er traf, wenn er regelmäßig in die kleine Kneipe ging. Sie tranken aus denselben Gläsern, gespült zwar, aber den Humpen, den der Schmied heute Abend in der Hand hielt, war schon unzählige Male auch an seine Lippen geführt worden. Er trank allerdings nur mäßig, der Alkohol machte ihn unsicher, und verwirrte seine Gedanken, sodass er sich auch dort nichts vorwerfen konnte. Überhaupt war er, wenn er denn je aufgefallen sein sollte, dann wohl nur in Erscheinung getreten, weil er die Sense eleganter schwang als jeder andere auf dem Hof. Während die anderen Arbeiter mit einer oft brachialen Gewalt auf die Ähren eindroschen, schwang er das Gerät wie beim Tanz, und die immer saubere Klinge blitzte im Licht der Sonne, und manchmal blieben die Frauen stehen, und beobachteten diesen Mann, der so schön die Sense schwingen konnte, dass es schien, als fielen die Ähren bewundernd zu seinen Füßen.

Aber er lamentierte nicht, sondern packte seine Sachen zusammen und verließ den Hof.

Er fand eine neue Schlafstätte, weit über den Hügelkamm hinweg, und bereitete dort sein Lager, und richtete sich darauf ein, zu warten. Es fehlte ihm an nichts, ja manchmal meinte er sogar, es müsse ihm besser gehen, so gut ging es ihm, aber dann fehlte wieder alles und es ging ihm schlecht, und er sehnte sich nach Nachrichten über den Hof.

Sie kamen nur spärlich. Es war Winter, die Wege vereist, und die Bergkämme eine Gefahr für jeden, der die Wagnis auf sich nahm. Und selbst wer sich nicht aufmachte in eine andere Gegend, wer nur zuhause blieb, auch der blieb allzuoft vom Tod nicht verschont, denn es war ein kalter Winter, hart und unbarmherzig.
Und wenn sie dann kamen, die Nachrichten, dann wünschte er sich manchmal, die Überbringer wären doch nicht damit übergekommen, so schlimm war das, was sie berichteten.
Es war alles anders, jetzt, da der junge Herr den Hof leitete.
Er riss alte Gebäude ab und ließ neue bauen, ließ einen Garten anlegen, um den Frauen zu gefallen, aber er verstand nichts von Blumen, und innerhalb kürzester Zeit war das Gelände von Unkraut überwuchert.
Und er gab wilde Feste. Selten war er selber zugegen, aber er ließ sich feiern, bis nachts um drei.
Alle Arbeiter, die ihm nicht mehr gepasst hatten, waren längst weg, fortgegangen, und jene, die nicht freiwillig hatten gehen wollen, oder nicht rechtzeitig gegangen waren, hatte er so lange mit schweren Säcken und Holz und anderem Bauschutt beladen, bis sie unter der Last einfach zusammengebrochen waren.
Er wollte nur die stärksten, kräftigsten Leute für seinen Hof, denn er wollte etwas großes aufbauen, und da könne er niemanden gebrauchen, der ihm zur Last fiele.

Die anderen Arbeiter, die mit ihm gegangen waren, warfen dem alten, doch längst toten Herren vor, er hätte es ahnen können, ja ahnen müssen. Es war sein Sprössling gewesen und er hätte ihn besser erziehen und auf seine Aufgaben vorbereiten müssen.
Der alte Arbeiter dachte, sie mochten wohl recht haben, aber vor allem sehnte er sich nach dem Feld und der Farbe der Ähren, und dann strich er gedankenverloren über den Griff seiner Sense, die er immer bei sich trug, die er umso hingebungsvoller pflegte, je schrecklicher die Nachrichten waren. Er polierte das Holz und ölte es, und er schleifte das Blatt bis es scharf genug war, ein darauf fallendes Blatt Papier ohne weiteres Zutun zu zerschneiden.

Und irgendwann kam der Frühling, und mit ihm die Nachricht, dass der junge Herr verstorben war. Er hatte sich zu Tode getrunken, allerdings nicht bevor er nicht auch den letzten Heller aus dem längst unter der Last ächzenden Hof heraus gepresst hatte. Aber da auch das ihm nicht das erwünschte Leben in Ruhm und Reichtum erbracht hatte, hatte er in einer kalten Wintersachen das Leben hinter sich in den Hof alleine gelassen.
Zunächst hatten die umliegenden Bauernhöfe die Felder gemeinsam mit bewirtschaftet, aber irgendwann war es zum Zerwürfnis gekommen, und jetzt war ein junger Mann an die Spitze des Hofes getreten, und er versprach, ihn nach bestem Wissen und Gewissen und mit allem, was in seiner Macht stand, zu führen, auf dass er wieder wachse und gedeihe.

Als der alte Arbeiter diese Nachricht vernahm, hielt es ihn nicht mehr lange an seinem ausgesuchten Lager. Er verabschiedete sich im Stillen von der malerischen Bergkette, packte seine Siebensachen und machte sich auf dem Weg zurück, den er vor Monaten gekommen war.
Und seine Beine trugen ihn, ohne dass es die Arbeit seines Kopfes bedurft hätte, hinüber, und als er die vertrauten Erdhügel vor sich sah, und die Ähren, die sich begannen, im Wind zu regen, da atmete er zum ersten Mal tief ein und wusste, dass er wieder zuhause war.

Schon von weitem konnte er den Hof erkennen, und sein Herz schlug schneller und sein Schritt beschleunigte sich. Aber wie anders sah alles aus!
Natürlich hatte er gehört, was sich alles geändert hatte. Aber es mit eigenen Augen zu sehen, war eine Wahrheit, der er gerne entflohen wäre. Und trotzdem. Es war doch der alte Hof.

Was willst du hier?
Die Stimme des Mannes, der auf einmal neben ihm stand, war harsch. Es war ein junger Kerl, nicht ganz dreißig Lenzen, schätzte er.
Arbeiten.
Wir brauchen keine Arbeiter mehr.
Habt ihr denn schon genug, um dieses große Feld zu bewirtschaften?
Wir brauchen keine Arbeiter mehr, wiederholte der junge Mann, und wollte sich umdrehen und gehen.
Aber bei so einem Feld braucht man wirklich viele Arbeiter, sonst kommt der Regen, bevor alles eingebracht ist, und dann müssen die Menschen im nächsten Winter hungern.
Was willst du hier?, fragte der junge Mann noch einmal.
Arbeiten, wiederholte sich auch der alte Arbeiter. Ich habe lange Jahre hier gearbeitet, ich weiß, wie man die Sense schwingt.
Wir brauchen niemanden, der uns sagt, wie wir zu arbeiten haben, entgegnete der junge Mann. Wir haben all das hier alleine wieder neu aufgebaut. Und damit ging er.
Er war nicht einmal unfreundlich gewesen, der junge Mann, dachte der alte Arbeiter und seufzte. Er wusste es wohl nur einfach nicht besser. Für ihn war er ja doch nur ein weiterer Mann, der gerne auf dem Feld stand und sich die Sonne ins Gesicht schienen ließ. Aber er war enttäuscht, dass er ihm nicht zugehört hatte. Vielleicht hätte er dann verstanden.

Der alte Mann zog dann in eine Hütte, ganz in die Nähe des Hofes, auf dem er früher jeden Tag gewesen war. Nah genug, um die Spitzen der Dächer sehen zu können, aber weit genug weg, um nicht zu aufdringlich zu sein. Manchmal, wenn er spazieren ging, sah er die Arbeiter auf den Feldern, und wenn der Wind passend stand, konnte er einen Teil ihrer Gespräche hören. Meist sprachen sie über die Arbeit, und über das Wetter, oder den neuen Herren. Aber einmal, oder zweimal, konnte er hören, wie sie über ihn sprachen.
Er sei ein komischer alter Mann. Zu sehr in seinen Gedanken verloren. Er wisse ja doch nicht, wie die Arbeit hier nun vonstatten gehen würde.

Er starb schon bald darauf.
Der Arzt, der gerufen wurde, um seinen Tod festzustellen, sah die Arbeitsgeräte in bestem Zustand an der Wand stehen. So ein törichter, alter Mann, dachte er, da hat er doch noch jeden Tag sein Werkzeug geputzt, als habe er nur darauf gewartet, dass sie ihn rufen.

Der Autor hätte jetzt noch gern gesagt, dass sie es nicht schafften, das Feld, und die Ähren, all die jungen Männer, ohne den alten Mann mit seiner Sense, aber dem war nicht so.
Ganz im Gegenteil. Sie brachten mit den Jahren immer mehr ein, und in immer größeren Haufen legte man die Ernte in die Scheunen, bis es so viel war, dass man einiges davon über die Grenzen des Dorfes verkaufen musste, um nicht darauf sitzen zu bleiben.

Nur blieben in der Zeit nach dem Neuanfang die wenigsten stehen, wenn die Felder geerntet wurden, und den sanften Tanz eines alten Arbeiters, den sah man nimmer mehr.
Aber die jungen Burschen machte die Sache eben auf ihre Art und Weise, und wenn sie im Gleichschritt das Feld entlang liefen, dann war das auch ein imposanter Anblick.

Und irgendwann kamen ja auch die Traktoren.
Und mittlerweile hat man vergessen, wie es ist, die Sense zu schwingen, und was eine Sense überhaupt ist, das wissen die meisten Menschen ja doch nur noch vom Tod.

Der Tiger

Vor einiger Zeit suchte ich Zerstreuung, und Abstand von allem. Das Leben war mir zu unruhig geworden, und ich sehnte mich nach der Stille, die die Natur bietet. Also bin ich los, in den tiefsten Dschungel, den ich finden konnte. Da war es heiß, und stickig, und man konnte ganz viele Tiere hören, die man hier in der Stadt nicht findet. Große Tiere, und kleine Tiere. Vögel, und Reptilien, und Säugetiere. Ich bin durch das Dickicht gelaufen, und durch Tümpel gekrochen. Es war sehr, sehr dunkel dort. Kaum Sonnenlicht drang durch die dichten Pflanzen und Bäume hindurch. Ich wollte schon umdrehen, weil ich befürchtete, nicht mehr zurück zu finden, sollte ich mich noch tiefer hineinwagen. Und dann stand ich plötzlich vor einem Tiger. Einem echten, wahrhaftigen, Tiger! Der Schreck war riesig. Stocksteif habe ich da gestanden, und gedacht, das wäre das Ende. Der Tiger jedoch saß einfach nur da und hat sich nicht vom Fleck bewegt. Keine Pfote hat gezuckt. Das ging eine ganze Weile so. Ich weiß nicht mehr, wie lange, aber als ich mich wieder bewegt habe, taten meine Muskeln weh. Es musste also ziemlich lange gewesen sein. Der Tiger jedenfalls hat sich die ganze Zeit nicht bewegt. Kein bisschen.
Ich habe mich gefragt, was für ein komischer Tiger das sei. Da lebt er draußen im Dschungel, und hat all das Wundersame vor sich, und sitzt doch den ganzen Tag nur auf einer Stelle, dort, im dunkelsten Fleck des ganzen Dickichts. Warum läuft er denn nicht herum? Warum springt er nicht auf Bäume, oder streift durch das Dickicht? Oder läuft zu einem sonnigen Fleckchen, und lässt die Sonnenstrahlen sein Fell wärmen, und die Farben leuchten?
Da kam ein Affe herbeigeklettert. Er hat sich an einen Ast gehängt, und dort hin- und her gebaumelt. Er hat mich beobachtet, wie ich da saß und dem Tiger beobachtet habe. Und dann hat er mich gefragt, ob ich wissen wollte, warum der Tiger da so still saß. Und ich? Habe natürlich genickt. Wenn man im tiefen Dschungel einem Affen begegnet, der einem anbietet, zu erklären, warum dort ein Tiger sitzt, und sich nicht bewegt, dann sagt man nicht nein.
Also hat der Affe angefangen zu erzählen. Der Tiger ist schon sehr alt, sagte er mir. Aber früher einmal, da war der Tiger jung. Und noch ganz klein. Er ist umher getapst, wie kleine Tiere das eben tun. Und er hat die anderen Tiere beobachtet, wie sie durch den Wald tobten. Irgendwann ist er an einen Tümpel gekommen. Kein schlammiger, morastiger Tümpel, wie die, aus denen die Tiere hier sonst trinken, sondern einer mit kristallklarem Wasser, und einer unendlichen blauen Tiefe. Ganz neugierig ist der junge Tiger an das Wasser heran gelaufen.
Und da hat er sich gesehen, im Wasser. Dort auf den Wellen spiegelte sich das Fell des stolzen Tigers. Und wie schön ist dieses Fell! Es glänzt und schimmert. Und dann diese Streifen! Kein anderes Tier hat solch schöne schwarze Streifen auf rötlichem Fell. Und keine zwei Tiger haben genau gleiche Streifen. Aber der Tiger hat nur die Streifen gesehen, und sie haben sich eingebrannt in seine Augen. Ganz tief in seine Netzhaut, und nie hat er dieses Bild vergessen.
Am nächsten Morgen ist er aufgewacht. Er hat die Augen geöffnet, und sich geschüttelt. Und dann hat er den Kopf gehoben. Da hat er sie gesehen: die Streifen. Direkt vor sich. Schwarz, und dick. Und sie sahen aus wie Gitterstäbe. Wie dicke, runde Gitterstäbe. Wohin der Tiger den Kopf auch drehte und wendete, überall hat er diese Streifen gesehen. Um ihn herum, ohne Lücke. Er war gefangen. Seitdem hat er sich nicht mehr bewegt.
Das hat der Affe mir erzählt, und dann ist er wieder verschwunden.
Ich aber habe den Tiger betrachtet. Deswegen also bewegt er sich nicht weg, habe ich gedacht. Vor seinen Augen sieht dieser Tiger einen gewaltigen Käfig. Er hat längst vergessen, dass der Käfig bloß eine Projektion seiner eigenen Streifen ist. Ein Scherz seines Gehirns. Wie eine Fata Morgana. Vielleicht hat er es aber auch nie gewusst.

Vom Schreiben mit einer Fliege 

Vor mir liegt seit
heute morgen um 8 Uhr 23
ein leeres Blatt Papier
auf das ich meine Gedanken zu schreiben plante

Direkt nach einer Scheibe Graubrot und einer Tasse schwarzen Kaffees
habe ich mich vor das weiße Blatt Papier gesetzt
in der Hoffnung
in der Nacht hätten sich Worte in meinem Kopf gefunden
die jetzt nach draußen wollten

Um meinen Kopf schwirrt eine Fliege

Das Blatt ist ziemlich leer
und ich frage mich
warum ich denn geschlafen habe
wenn ich mich jetzt an meine Träume nicht mehr erinnern kann

Und draußen scheint die Sonne
aber davon kann man nicht schreiben
bloß vielleicht vom Staub
der in den hier einfallenden Strahlen glänzt

Aber dann muss ich niesen
und ich weiß nicht
ob vom Staub
oder von der Fliege, die sich einfach auf meine Nase gesetzt hat
ohne zu fragen

Vielleicht gehe ich morgen Abend ins Kino
denke ich noch
bevor ich meinen Finger an den Abzug lege
von dem Foto
das direkt neben dem leeren Blatt Papier liegt
Ich wage es nicht, ihn darauf zu legen, denn es ist in Hochglanz und bestimmt hinterließe ich Flecken

Es zeigt diesen unglaublich schönen Moment
den ich vermutlich längst wieder vergessen hätte, wäre da nicht dieses Foto
und ich bin geneigt, einen Namen für das Bild zu finden, aber ich finde keinen

Die Fliege ist wieder abgehoben und summt lärmend um meinen Kopf

Es wurde hell
als ich mich setzte
und jetzt wird es schon wieder dunkel
und ich bin noch gar nicht aufgestanden

Ich mache das Radio an
damit ich höre was dieser Tag gebracht hat
zwischen Morgen und Abend
ein paar Tote und eine Goldmedaille
für den besten Schützen

Und die Fliege summt noch immer um mein Ohr
während ich diese Zeilen schreibe
sie scheint einfach nicht müde zu werden

Aber es ist nicht schlimm, sie stört mich nicht mehr so
Es ist ja bloß eine Eintagsfliege
schon morgen wieder verschwunden

Müssen. Gestern

Müssen. Gestern

Wir sind
der Anfang ohne Ende
hast du gesagt

Und jetzt?

Muss ich jetzt
war
sagen
wenn ich von uns rede
und wird dadurch das
was ich sage
wahrer?
Muss ich jetzt
Nein
sagen
wenn sie mich fragen
ob es uns gut geht?
Ich weiß doch gar nicht
wie es dir geht.
Muss ich jetzt
immer das müssen
was ich vorher nicht musste?
Muss ich das
wirklich?
Und warum ist eigentlich die Vergangenheit von muss
nicht maß?
Denn offenbar haben wir irgendwo das richtige Maß verloren
als wir nichts mussten
nur durften
konnten
wollten
waren

weshalb wir jetzt verloren
sind

Wo sind wir
wo waren wir
wo sind wir
gewesen
als es zu Ende ging?
Irgendeine Maßnahme
haben wir nicht vorgenommen
Irgendeiner Maßgabe
nicht genügend Raum gegeben
Und jetzt stehe ich hier
mit leeren Händen
maßlos enttäuscht
und frage mich:
Muss so das Ende sein
maßvoll
und leer?

Wir waren Kinder
und wollten es auch ewig sein
Und jetzt sind wir nur noch die Vorfahren von nichts
Der Anfang ohne Ende
aber sind wir nicht
Der Anfang ohne Ende
hat ein Ende gefunden
Wir sind es nicht
und wir werden es auch nicht sein
Wir sind bloß das Ende

am Ende.